satz hierzu wie zu der ernsten Männlichkeit des Hubert van Eyck, als deneiner milden Weiblichkeit, einer reinen Jungfräulichkeit bezeichnen.Hierzu stimmt diese holde Bescheidenheit im Auftreten, die noch mehr Schön-heit und Bedeutung, als äußerlich zur Erscheinung kommen, im Innern ver-birgt. Adeliger, lauterer, seelenvoller vermögen die besten Italiener ihreEngel- und Madonnengesichter nicht zu bilden, die bei unserem Meisterdabei stets so klar sind, daß man bis auf den Grund des Herzens blicken kann.Männer und Greise gelingen ihm nicht im gleichen Maße. So edel seineApostel und Verkünder des göttlichen Wortes sind, so wenig reichen sie eigent-lich aus. Milde Würde genügt da nicht, wo man einen unter den Kämpfen desLebens erprobten Charakter sucht. Frauen, Mädchen und Jünglinge muß manvon ihm sehen oder mitunter auch seine Christusgestalten, welche alle Nieder-ländischen Bilder des Heilands hinter sich lassen. Nur eine Seite vom Cha-rakter des Erlösers ist bei Schongauer betont, aber diese auf desto schönere
Weise: unbeschreibliche Sanftmut und Milde thronen in diesen Zügen.-------
Aber nicht nur die Zartheit, Wärme und Innigkeit des Gefühls, auch einkühner Hang zum Phantastischen offenbart sich bei Schongauer, wie ja über-haupt diese beiden Züge in der deutschen Kunst so gern vereinigt sind. DieGroßartigkeit seiner Einbildungskraft zeigt sich am glänzendsten in der Ver-suchung des heiligen Antonius, welches von allen seinen Kupferstichen dasPrachtblatt ist. In den abenteuerlichen Gestalten der acht Dämonen, welche,mit allen Schrecken, die sich nur ersinnen lassen, ausgestattet, den Eremitenin die Luft emporgerissen haben, ist alles, was bei dem Künstler sonst nochvon einer gewissen Scheu und Unsicherheit in den Bewegungen zu findenist, besiegt; hier tritt dem Beschauer eine so zügellose Keckheit und hin-reißende Gewalt entgegen, daß selbst Michelangelo sich versucht fühlen konnte,dies Blatt in der Jugend zu kopieren. Von minder günstiger Seite aber zeigtsich dies phantastische Element in den Szenen aus der Leidensgeschichte desHerrn. Solche Szenen gibt Schongauer, wie die meisten seiner Landsleute,gern, während den Niederländern durchweg friedlichere Vorwürfe zusagenu nd sie nur selten an Darstellungen gehen, in denen Kampf und aufbrausendeLeidenschaften vorherrschen. Wenn der schleichende Verräter naht, die wildeRotte den Heiland ergreift, wenn heuchlerische, aufgeschwemmte Pfaffen ihnverdammen und der laute Hohn, die freche Mißhandlung von Alt und Jungüber den Gottessohn hereinbricht, überall ist, um Rohheit und Verworfenheitder Widersacher zu schildern, die äußerste Häßlichkeit und Verzerrtheit alsMittel gewählt. Das geradezu Fratzenhafte hat sich eingedrängt und gehtw eit über die Grenze des Erträglichen; wahre Kretins sind unter den Ge-walten. Nicht Mangel an Schönheitsgefühl ist hiervon der Grund; wir habenJ a gerade Schongauers Sinn für das Zarte und Liebliche schätzen gelernt;au ch keine humoristische Absicht hat ihn geleitet, sondern volle, unbefangeneRedlichkeit. Das innerlich Häßliche muß ihm auch äußerlich häßlich sein;" er Geist muß sich den Körper bauen. Diese bizarren Übertreibungen, die vons ° widerwärtigem Eindruck sind und bei einem so liebenswürdigen KünstlerY e sto mehr überraschen, haben darin ihren äußeren Grund, daß die Malerjener Zeit Stoff, Vorgänge und Gestalten aus den geistlichen Dramen oder
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