Auge des unkünstlerischen Gelehrten nimmer vermochte. — ■— Vergeblicheiferte ein Geiler von Kaisersberg gegen die unchristliche Vorliebe der Bild-schneider und Maler für das Nackte, das ihm selbst bei dem Jesuskind an-stößig dünkte. Läßt sich doch sogar der mönchische Johannes von Butz-bach in seiner Schrift über die berühmten Maler (1505) zu einem begeistertenLob auf die unaussprechliche Schönheit der sichtbaren Welt hinreißen, dieGott als der größte Maler so herrlich geschaffen hat, daß wir sie nie genug be-wundern können. Aber vor allem die menschliche Gestalt verkündet denRuhm des Künstlers. „Sooft ein frommer Christ die schöne Erscheinungeines Menschen erblickt, soll er dem allerschönsten Gott ob dieser Anmutlobsagen." (Friedrich von Bezold, Konrad Celtis, „der deutsche Erzhumanist",1883.)
MARTIN SCHONGAUER
Hauptsächlich als Kupferstecher ist der Meister tätig, welcher als Deutschlandsgrößter Künstler in dieser Epoche und als Lehrer für die nächste dasteht,Martin Schongauer, schon von seinen Zeitgenossen so hoch in Ehren gehalten,daß sie ihn als pictorum gloria, der Maler Preis, bezeichneten. Seine Familiestammte aus Augsburg, er aber, wohl bald nach 1420 geboren, war in Kolmarangesessen und tätig, wo er im Jahre 1499 gestorben zu sein scheint. Vonhier aus verbreitete sein Einfluß sich über das ganze südliche Deutschland,und in Schwaben besonders bleibt keiner davon unberührt. Unter denen,welche der Heimat die flandrische Kunstart vermittelten, steht er an höchsterStelle. Er ist selbst ein Schüler des Roger van der Weyden gewesen, daswird in einem Briefe des Lütticher Malers Lambert Lombard an Vasari aus-drücklich gesagt und geht auch aus Schongauers Werken mit größter Ent-schiedenheit hervor.
Aber alles, was wir als Verschiedenheiten der deutschen Kunstweise von derflandrischen kennengelernt, gilt ganz besonders von ihm. Auch er ist mehrErfinder als Darsteller, mehr Zeichner als Maler. Was ihm aber ganz eigen-tümlich und dabei ein durchaus vaterländischer Zug ist, das ist die seelenvolleReinheit der Empfindung, die alles verklärt, was er schafft. Es ist, als hättensich mit den Vorzügen Rogers die Meister Stephans zusammengefunden.Trotz seiner flandrischen Schule wacht in ihm wieder der alte heimische Idealis-mus mit seinen Vorteilen und Nachteilen auf. Mag er von der neuen rea-listischen Kunstart auch noch soviel aufgenommen haben, mag er durch siebesonders zu einer großen Schärfe in der Zeichnung gekommen sein, so daßer die Glieder, namentlich die Hände, gewöhnlich zu mager bildet und bei denGewändern, die sonst in den Hauptmotiven glücklich sind, die eckigen, un-schönen Brüche der Niederländer vorherrschen läßt; so tritt uns dennochin seinen Gestalten jene hohe Idealität entgegen, welche der deutschen Kunstin der vorigen Epoche eigen war. Eine holde, unbefangene Lieblichkeit, einestille Freudigkeit und Gottesahnung, eine Innigkeit des Gemütes, wie bei dengroßen Kölnischen Malern, sehen wir bei ihm. Und doch ist seine Auffassungwieder im Grundton eine verschiedene. Nicht Kindlichkeit wie bei den Köl-nern waltet bei ihm. Den Charakter seiner Gestalten möchten wir, im Gegen-
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