Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
86
Einzelbild herunterladen
 

Sphären lebte. In dem Gemälde der Philosophie, als er den Gipfel des Ruhmeserreicht hatte, erscheint er neben seinem Lehrer, bescheiden, aber mit mehrHaltung und Zufriedenheit; in dem letzten Bildnisse, das wir von ihm haben,sehen wir ihn mehr als vorher in der wirklichen Welt lebend handeln undwirken.

Der helle Blick und die wahrheitsliebende Natur Raffaels verbürgen uns,daß er sich selbst so gemalt hat, wie er war. Einige seiner Bildnisse stellenihn als bloße Porträte, ohne weitere Beziehung dar; andere, die ihn in größerenGemälden einführen, ohne jedoch einen Anteil an der Handlung zu nehmen,überliefern seine Gesichtszüge ebenso getreu; oft erkennt man ihn in einerNebenfigur, bei welcher er sich selbst oder dem Urheber des Gemäldes zumVorbilde gedient hat. In keinem derselben sehen wir ihn in einer leiden-schaftlichen Lage; man bemerkt in seinen Gesichtszügen nichts von dem Auf-fallenden, womit das Genie sich oft durch bestimmtere Züge offenbart; siedeuten alle eine für jeden Eindruck empfängliche, zärtliche und teilnehmendeGemütsstimmung an; nichts konnte ihn aus seiner Fassung bringen, er kannteweder Furcht noch Zorn; das Schöne und Gute, das Edle und Erhabene istdas Element, in dem sein Geist sich frei bewegte; die Schöpfungen seinerPhantasie entstanden ohne Anstrengung in ihm, er stellte sie dar ohne Mühe.Diese unwandelbare Ruhe finden wir oft in der Gestalt der wahrhaft großenMänner, bei denen die Leidenschaften und Stürme des Lebens nur die Ober-fläche eines stillen, tiefen Meeres zu bewegen scheinen. Es ist kein geringerGenuß, solche Eigenschaften in der edlen Bildung und in den regelmäßigenZügen derjenigen Wesen zu bewundern, die auf der Stufe stehen, wo derMensch sich an die höhern Naturen schließt, von deren Gestalt wir uns keineVorstellung machen können. (Friedrich Rehberg, Raffael Sanzio aus Urbino,1824.)

VERGEGENWÄRTIGUNG DES JUNGEN RAFFAEL

Den umbrischen Wanderungen entwachsen, begegnen wir dem jungen Raffaelin Rom. Papst Alexander VI. Borgia läßt durch den umbrischen MeisterPinturicchio im Vatikan eine Reihe von Gemächern ausmalen. Einer derHauptgehilfen Pinturicchios bei diesen Arbeiten istTiberio, und mit ihm ziehtRaffael in die ewige Stadt. Das ist um 1493 94. In einer Hauptdarstellungjener Gemächer, der Disputation der heiligen Katharina vor dem KaiserMaxentius, in der des Papstes Tochter Lucrezia als die unerschrockene Heiligedargestellt wird, krönt der Knabe Raffael die Gruppe der Doktoren, die zurRechten stehen. In dieser Gruppe ist zum erstenmal der umbrische Malerkreisvereinigt. Wir lernen den Pinturicchio kennen in seiner Prachtliebe undNeigung, sich mit schönen Dingen, aber auch mit schönen Menschen ge-schmückt zu zeigen. Ein Jüngling mit keck wippender Feder am Baretthält sich zu ihm, er selbst ist mit goldener Brustkette und schweren Ohr-ringen geziert, sein knapper runder Schädel hier kurz geschoren. Perugino,würdig und fest, blickt getrennt von seinem frühern Schüler durch zwei Ge-hilfen in mächtigen Turbanen uns an. Über den Gehilfen aber zuhöchst inder von Nebenfiguren verhüllten Pyramide wird man des hohen Knaben in

86