reichem Lockenfall gewahr. Über den ernsten dunkel sinnenden Augen,den hohen Brauenbögen sitzt, die Stirne halb verdeckend, eine Kappe, zwischenderen aufgeklappten Rändern eine Borte in Kreuzform aufgenäht ist. Es istnicht allein der unverwechselbare Blick, der den Betrachter bannt, es ist derhelle Schimmer voller Wangen, einer Haut aus anderm Stoff und wie mitandern Mitteln gemalt, als die der jugendlichen Gefährten auf dem Bilde.Ein wenig heiterer, doch nicht so hoheitsvoll, schaut noch einmal ein jugend-liches Gesicht, dem seinen ähnlich, aus der Gruppe hinter des Kaisers Thron.Hat er die Gabe, da und dort die Knaben einander näher zu bringen, Freundes-paare zu bilden? Wir wissen es nicht. Wir sehen zwar am Fuß der Pyramidedem Pinturicchio nahe zwei Pagen mehr höfisch liebenswürdig einander zu-gewandt, zur Linken aber das traute Spiel der jüngeren Knaben, und leichtvergessen wir ob solcher verwandelnden Kraft das Zwiegespräch des Kaisersmit der Heiligen und die Beratung der beiden Weisen unterm Torbogen derMitte.
Hat Raffael in völliger Geborgenheit die Zeit in Rom verlebt, oder ist er etwaeinmal auf einem der zügellosen Feste insgeheim erschienen? Fast möchteman es glauben, wenn man im Bild der Musica den jungen Harfner amThrone sitzen und spielen sieht. Er ist es und ist es wieder nicht. Sein Ant-litz ists mit der untrüglichen leichten Neigung, und seine weich spielendenHände sind es, aber an dem derben „römischen" Körper eines Fünfzehn-jährigen. Schon hat er, wie wir vorhin bereits andeuteten, sich hineinge-bildet in den jugendlich schmiegsamen Stoff auch älterer Knaben, die nunmit seinen Augen sehen, mit seinen Händen greifen, seine Harfe spielen.Die Künstler des Kreises aber stehen als seine Werker abseits. (WilhelmStein, Raffael, 1923.)
DER NEUBAU VON ST. PETER
Der gewaltige Julius II. (1503—1513), schon als Kardinal baulustig bis zurhöchsten Anstrengung seiner Kräfte, unternahm den Neubau von St. Peterund dem Vatikan in einem freien und großen Sinne, wie ihn kaum je ein Bau-herr gehabt hat. Hohen Mutes, in Kampf und Krieg gegen die Feinde derKirche unerschütterlich und hartnäckig, pflegte Julius von allen Dingen,die ihn einmal ergriffen, dergestalt entflammt zu werden, daß er das kaumErdachte auch gleich durchgeführt zu sehen erwartete. Unter andern großenGaben besaß er nun auch eine wunderbare Begeisterung des Bauens, mochtesie auch die Schuld sein an mehr als einem Unterbau, der nicht weiter ge-führt wurde. Überdies hatte er Männer um sich, wie Bramante, Raffael,Baidassar, Peruzzi, Antonio Sangallo, Michelangelo und andere. Bramante,damals als der größte von allen geltend, hatte endlich an ihm einen Papstgefunden, wie er ihn wünschte, beredt wie er war, gewann er ihn für einenNeubau von St. Peter, welcher der Größe des päpstlichen Namens und derMajestät des Apostels würdig wäre; er ließ den Papst bald Ansichten, baldandere Zeichnungen für die künftige Kirche sehen, kam immer von neuemdarauf zurück und schwur dem Papst, daß dieser Bau ihm einen einzigen
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