anmutigen Villen sich zu betätigen; rang jener in der kühnsten Profil- und Detail-bildung nach eigenen Ausdrucksformen, entfernte er sich absichtlich von denin Rom so nahe liegenden antiken Vorbildern, so scheute sich dieser, eine Glie-derung anzuwenden, für die er nicht an einer Ruine den Beleg ihrer Klassizitätzu beschaffen gewußt hätte; war jenem alles daran gelegen, die individuelleIdee zum schärfsten Ausdruck zu bringen, unbekümmert darum, daß demGliede im Dienst des Ganzen Gewalt angetan werde, so suchte dieser vor allemnach dem inneren Gleichmaß von Raum und Einzelform; hier der Kampfund Drang eines heftig bewegten groß wollenden Gemütes, dort die Ruhe einerin sich und in ihrem Ideal klaren Seele.
Im Kampfe zwischen dem individuellen und gesetzmäßigen Schaffen trennensich ganz scharf und präzis die Herrschaft der beiden Parteien nach Zeit undOrt ab. Man könnte die Kunst der Folgezeit in eine michelangeleske undpalladianische scheiden.
Wo im Staats- oder Gesellschaftsleben der Zug nach logischer Klärung, nachfesten Formen, nach gesetzlicher Regelung der Verhältnisse vorwaltet, wodie Verstandestätigkeit überwiegt, da wird man überall die Geistesart Palladiosvorherrschend finden. So in Rom, solange der Gedanke der Reform wirksamwar, so vorzugsweise in England und Holland, in Frankreich, seit unter Lud-wig XIV. die Gesellschaft eine skeptisch-philosophierende wurde, so in Deutsch-land und Italien seit Beginn des französischen Einflusses und der ihm fol-genden klassischen Bewegung.
Wo aber das Gemütsleben, namentlich in religiöser Beziehung, vorwaltete,wo eine brünstige Frömmigkeit herrschte, wo zugleich das keck sich vor-drängende Ich die gesellschaftliche Ordnung bezwang, die menschliche Regelund das Gesetz von den Unterströmungen mächtiger Leidenschaften durch-brochen und die Willkür herrschend wurde, da ist Michelangelos Geist mächtig.So in dem durch den Jesuitismus zum Triumph gebrachten Rom des endenden17. Jahrhunderts, weiterhin durch ganz Italien, in Belgien, im protestantischenund jesuitischen Deutschland. (Cornelius Gurlitt, Geschichte des Barock-stiles in Italien, 1887.)
RAFFAEL NACH SEINEN BILDNISSEN
Das innige Leben, welches sich in den Werken Raffaels ausspricht, machtuns mit ihm vertraut; sie erregen ein Verlangen, auch durch den Anblick seinerGestalt die Idee zu beleben, welche wir uns von ihrem Urheber machen.Diesen Wunsch dürften die Bildnisse, die uns von ihm übriggeblieben sind,einigermaßen befriedigen, indem sie ihn als Knaben, als Jüngling und alsMann in mehreren größtenteils eigenhändigen Darstellungen bis in seineletzte Lebenszeit gegenwärtig machen. Sie mögen eine Schilderung seinesmoralischen und physischen Wesens vertreten — man bemerkt in ihnen selbstden Gang in der Ausbildung seines Charakters; in den früheren von seinemVater und Timoteo della Vite das angeborne unbefangene Selbstgefühl; späterdie Bescheidenheit, mit der er bei Betrachtung der Werke anderer sich selbstbeurteilte, die leidende Sehnsucht und das Entzücken, mit dem er in höheren
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