sehen, um sie der Freiheit zurückzugeben. (Heinrich Wölfflin, Die klassischeKunst, 1898.)
MICHELANGELO UND RAFFAEL
Am 28. November kehrten wir zur Sixtinischen Kapelle zurück, ließen dieGalerie aufschließen, wo man den Plafond näher sehen kann; man drängt sichzwar, da sie sehr eng ist, mit einiger Beschwerlichkeit und mit anscheinenderGefahr an den eisernen Stäben weg, deswegen auch die Schwindligen zurück-bleiben; alles wird aber durch den Anblick des größten Meisterstücks er-setzt. Und ich bin in dem Augenblicke so für Michelangelo eingenommen,daß mir nicht einmal die Natur auf ihn schmeckt, da ich sie doch nicht mit sogroßen Augen wie er sehen kann. Wäre nur ein Mittel, sich solche Bilder inder Seele recht zu fixieren. Wenigstens was ich von Kupfern und Zeichnungennach ihm erobern kann, bring ich mit.
Wir gingen von da auf die Logen Raffaels, und kaum darf ich sagen, daß mandiese nicht ansehen durfte. Das Auge war von jenen großen Formen und derherrlichen Vollendung aller Teile so ausgeweitet und verwöhnt, daß man diegeistreichen Spielereien der Arabesken nicht ansehen mochte, und die bib-lischen Geschichten, so schön sie sind, hielten auf jene nicht Stich. DieseWerke nun öfter gegeneinander zu sehen, mit mehr Muße und ohne Vor-urteil zu vergleichen, muß eine große Freude gewähren. Denn anfangs istdoch alle Teilnahme nur einseitig. (Goethe, Italienische Reise, 1816/1817.)
MICHELANGELO UND PALLADIO
Michelangelo hat die Antike nie in dem Sinne studiert, daß sie ihm alleinigesVorbild und Richtschnur sein sollte.
Schon der Jüngling bewies durch seine Statue eines geflügelten Engels, dieer mit Erfolg für alt ausgab, daß er sein Können dem der klassischen Meistergleichstehend achtete und daß er über die ihm zu eng scheinenden Grenzenderselben hinaus Größeres zu leisten gedachte. „Wer anderen nachläuft",rief er den Kopisten der Antike zu, „wird nie voranmarschieren, und wernicht aus sich heraus etwas Gutes schaffen kann, dem werden auch die Werkeanderer wenig nützen!"
So ist Michelangelo der Vater des Stils geworden, den wir Barock nennen.Palladio ist der Meister innerer, auf dem Studium der Antike basierenderGesetzmäßigkeit. Er strebt nicht nur nach der Form, sondern auch nachdem Geist der Alten, den er in seinen Werken mit einer geradezu erstaun-lichen Schärfe zu treffen wußte. Es werden erst kommende Jahrhunderteentscheiden können, ob Palladio oder Schinkel geistig der klassischen Archi-tektur näher stehen!
Suchte Michelangelo im Zentralbau ein originell christliches Gotteshauszu schaffen, so strebte Palladio danach, die Kirche mit den Formen des Tem-pels künstlerisch zu versöhnen; trachtete jener, im Palast die Wucht und denin sich geschlossenen Trotz der kriegerisch bewegten Zeit zum Ausdruck zubringen, so suchte dieser in der offenen Heiterkeit des Landlebens dienenden
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