Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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klagt wird von Johannes und den drei Frauen am Grabe. (Wilhelm Stein,Raffael, 1923.)

LIONARDO ALS KÜNSTLER UND FORSCHER

Unter allen Künstlern der Renaissance ist Lionardo derjenige gewesen, deram meisten Freude an der Welt gehabt hat. Alle Erscheinungen fesseln ihn.Das körperliche Leben und die menschlichen Affekte. Die Formen der Pflan-zen und Tiere und der Anblick des krystallhellen Bächleins mit den Kieselnam Grunde. Die Einseitigkeit der bloßen Figurenmaler ist ihm etwas Un-begreifliches.Siehst du nicht, wieviel verschiedenerlei Getier es gibt, undso Bäume, Kräuter, Blumen, welche Mannigfaltigkeit gebirgiger und ebenerGegenden, Quellen, Flüsse, Städte, wie verschiedene Trachten, Schmuckund Künste?"

Er hat Gefühl für feine Hände, für den Reiz durchsichtiger Gewebe, für zarteHaut. Er liebte im besonderen das schöne weiche, wellige Haar. Auf Ver-rocchios Taufbild hat er ein paar Grasbüschel gemalt, man sieht sofort, daßer sie gemacht hat: Keiner besitzt ein gleiches Gefühl für die natürliche Zier-lichkeit der Gewächse.

Das Starke und das Weiche ist ihm gleichmäßig vertraut. Wenn er eineSchlacht malt, so überbietet er alle im Ausdruck der entfesselten Leiden-schaft und ungeheurer Bewegung, und daneben weiß er die zartesten Empfin-dungen zu beschleichen und den eben verschwebenden Ausdruck festzu-halten. In einzelne Charakterköpfe scheint er sich verbissen zu haben mit demUngestüm eines geschworenen Wirklichkeitsmalers, und dann plötzlich wirfter das wieder ganz weg und überläßt sich den Visionen idealer Bildungenvon einer fast überirdischen Schönheit und träumt jenes leise, süße Lächeln,das wie der Widerschein eines innern Glanzes aussieht.

Er empfindet den malerischen Reiz der Oberfläche der Dinge und denkt dabeials Physiker und Anatom. Eigenschaften, die sich auszuschließen scheinen,sind bei ihm vereinigt: das unermüdliche Beobachten und Sammeln des For-schers und die subtilste künstlerische Empfindsamkeit. Er begnügt sich nie,den Dingen nach ihrer äußeren Erscheinung als Maler gerecht zu werden: mitdem gleichen leidenschaftlichen Interesse wirft er sich auf die Ergründungdes inneren Baues und der Lebensbedingungen aller Wesen. Er ist der ersteKünstler, der systematisch die Proportionen des menschlichen und tierischenKörpers untersucht und von den mechanischen Verhältnissen beim Gehen,Heben, Steigen, Tragen sich Rechenschaft gegeben hat, und er ist derselbe,der zugleich die umfassendsten physiognomischen Beobachtungen ange-stellt und über den Ausdruck der Gemütsbewegungen zusammenhängendnachgedacht hat.

Der Maler ist für ihn das klare Weltauge, das alle sichtbaren Dinge beherrscht.Auf einmal erschließt sich die Welt in ihrer ganzen Fülle und Unerschöpf-hchkeit, und Lionardo scheint sich mit allem Lebendigen durch eine großeLiebe verbunden gefühlt zu haben. Einen bezeichnenden Zug der Art teiltVasari mit, daß man ihn gelegentlich auf dem Markt Vögel habe kaufen

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