lungen der Verkündigung und der Himmelfahrt, die in derselben Annunziaten-kirche, in S. Maria del Carmine und San Feiice in Piazza von Knaben undJünglingen vom dreizehnten bis zum vierundzwanzigsten Lebensjahre vorandächtigem Volk, vor staunenden fremden Priestern und Fürsten als lebendeBilder gezeigt wurden: das „kinderliebe" Florenz jener Zeit würde hell auf-lachen über das, was man ihm heute zugesteht an Nahrung für seinen Geistund seine Sinne. Denn wenn jene Florentiner die Ursprünge weniger kanntenals heut auf dem Erkenntniswege jedes Schulkind, so erfuhren sie beglückendam eigenen Leibe das Verhängnis des wirkenden Leibes, der zur wirkendenForm wird durch den Verewigungsdrang seines Bildners.Zu den Jugendbildern der großen Meister tritt als drittes das Bild eines fürst-lichen Jünglings, der ein Menschenalter lang die Künstler von Florenz beschäftigthat: Giuliano Medici. Botticelli, der am Hofe des jungen Magnifico eine ähn-liche Bedeutung gehabt hat wie in Lorenzo Magnificos letzten Lebensjahrender junge Michelangelo, war der Verkündiger jener Gestalt. Schon in seinenfrühen Madonnenbildern in den Offizien, wo aus dem Engelkranz der eineEngel uns anschaut, im Louvre, wo der Johannesknabe den unvergeßlichwissenden Blick hat unter den Rosen des Hages, während in der gleichzeitigenMadonna in Boston Giulianos älterer Bruder Lorenzo als Knabenengel zuder Jungfrau tritt, einen Ölzweig im Haar, eine Schale voll Trauben und Ährenin Händen. Dann jener denkwürdige Sebastian (jetzt in Berlin) mit demherben Adel des Zwanzigjährigen, in Vorahnung des nahen Todes von Pfeilender Leib durchbohrt, der fünf Jahre darauf am Ostermorgen 1478 „aus un-zähligen Wunden blutend", innerhalb der Chorschranke des FlorentinerDomes niedersank — nach welchem ein anderer Künstler, Antonio Pollaiuolo,seinen Sebastian malte mit einem weniger edlen Jüngling des florentinischenPatriziats als Modell (Vasari). Auch in Botticellis Mars- und Venusbild, indem der Sieger im Turnier von 1475, Liebling des wankelmütigen Volkes,in Verbindung gebracht wird mit der von ihm und andern gefeierten, im Bea-tricealter verstorbenen Geliebten Simonetta Vespucci als schlafender Kriegs-gott, zu dessen Füßen Venus wacht, ein anderes Mal im Florabild als Götter-bote, mit seinem Stabe die Nebel scheuchend am Rande des Frühlingshains,durch dessen zarte Stämme Flora und ihr Gesinde schreiten, unter denen fastschwermütig die junge Liebesgöttin deutend steht, zwischen ihr und Giulianodie drei Grazien. Und wieder im Anbetungsbild der Uffizien der junge Sieger,scheinbar umringt von dem heiteren Hofstaat der Medici, gesenkten Blickes,voll ernster Hoheit, während der Bruder Lorenzo, vom Freunde umschlungen,die Hand am Schwert, neben seinem geliebten Schimmel als der Prächtigeerscheint. Der an der Schwelle der Mannesjahre von Mörderhand gefalleneGiuliano aber lebt, gleich der gefeierten schönen Simonetta, noch eine Weilefort in Vers und Bild, zuletzt durch Savonarolas Tod aufs neue der Sehn-sucht des trauernden Botticelli nahegebracht und in Darstellungen der Pietagebannt, zumal in das Hochbild im Poldi-Museum zu Mailand, wie jenerfrühe Sebastian für einen Pfeiler von Santa Maria Maggiore in Florenzgemalt: wo, ein Gegenbild des schlafenden Mars, der jünglinghaft gebildeteErlöser nun statt von Venus behütet und von Satyrknaben umspielt, be-
82