flachen Basis. Der mit kostbaren Sandalen, in schönem Mantelwurf an ihnherantretende langlockige Jüngling scheint, da er auf der Straße unten vor-beiging, aus Neugier heraufgestiegen zu sein und nähert sich nun der Seitedes Herrn, wo die offene Wunde bloßliegt. Der reiche Jüngling nähert Zeige-und Mittelfinger der äußerst feingliedrigen Rechten der vom Herrn bloß-gelegten Wunde, dieser macht über dem Haupte des Jünglings eine offeneGebärde, von der man nicht weiß, bedeutet sie das Ecce oder will sie dennochheimlich segnen. Christus zeigt im Antlitz den fast slawischen Typus desErlösers, wie er seit Donatellos Spätwerken, zumal seit den Kanzeln von SanLorenzo, aus Florenz nicht mehr verschwunden ist, das Antlitz des JünglingsThomas ist stets im Halbschatten, so daß nur der Umriß des Kopfes, die Kon-tur des rechten Brauenbogens und der rechten Wange in der Wirkung mit-sprechen. Leonardo, dessen Jünglingsbild Verrocchio hier verewigt hat,wie in seinem Bronzedavid das Bild des Knaben, hat gewollt, daß er so und nichtanders gezeigt werde. Er hat selbst kurz zuvor in dem Engel der Taufe Christifür Vallombrosa und im Jungen König seiner „Anbetung" noch einmal dieBilder beider Altersstufen geschaffen, und wenn er bei der Aufstellung derThomasgruppe bereits in Mailand weilte, so ist seine Anwesenheit im HauseVerrocchios doch für vier von den sieben Arbeitsjahren belegt. Der Thomastritt leise auf und in menschlicheren Maßen als Michelangelos Gigant. Hütenwir uns, deshalb anzunehmen, seine Wirkung wäre minder eindringlich ge-wesen. Die besondere Art der Grausamkeit, wie scheinbar anmutig betastetwird, damit man glaube, das ernstliche Interesse an Tatsachen um der Tat-sachen willen, hat hier gesiegt über den Geist der Gemeinschaft, aus dem alleKräfte der Vergangenheit bezogen wurden. Wir dürfen es deshalb auch nichtleicht nehmen, wenn es Leonardo wenig später gelungen ist, für die kommen-den Jahrhunderte der Auflösung das Bild des Verrats jener Gemeinschaft zuschaffen. Seine Dreiergruppen im Abendmahl von Santa Maria delle Graziezu Mailand, voran die Dreiergruppe Judas, Petrus, Johannes zur RechtenChristi, bezeichnen dies. Der Künstler, dem es gelingen konnte, den Liebes-jünger, der in frühern Florentiner Darstellungen dem Evangelium gemäß ander Brust des Herrn lag bei dem Mahle, von dem Herrn zu trennen und hinein-zureißen in eine Verschwörergruppe, in der Judas als der Edelste wirkt, durftesich rühmen, das menschliche Vorbild abgegeben zu haben für die Bildner-gruppe, in welcher das Opfer des Herrn zum Gegenstand einer Forschung ge-macht worden ist. Neuere, auch selbst in Florenz lebende Beobachter sindgeneigt, die Macht des Bildes gering einzuschätzen bei einem Volk, das sov erstandesmäßig begabt sei und so in ständigen politischen Querelen befaßtwie das florentinische. Man kann indessen nicht daran vorüber, daß dieserStadt nach dem größten bildschaffenden Dichter die größten bildenden Künst-ler Italiens, ja imZeitalter der Wiedergeburt Europas entstammen. Man mag dar-über höhnen, daß die guten Wollenweber von Florenz das Bedürfnis fühlten, ihreZunft durch ein großes Bildnerwerk verherrlicht zu sehen, man mag über dieWächsernen Weihgeschenke höhnen, die im verstandesmäßigen Florenz Mac-c hiavells zu Hunderten lebensgroß im Chor der Annunziatenkirche aufgestelltWaren, man mag nachsichtig lächeln über die rappresentazioni, die Darstel-
6 Wolters, Der Deutsche. III, 1. o y