gerung der menschlichen Natur. Es bildet sich ein Gefühl aus für das Be-deutende, für das Feierliche und Großartige, dem gegenüber das Quattro-cento in seiner Gebärde ängstlich und befangen erscheinen mußte. Und sowird denn aller Ausdruck umgesetzt in eine neue Sprache. Die kurzen hellenTöne werden tief und rauschend, und die Welt vernimmt wieder einmal dasprachtvolle Rollen eines hochpathetischen Stiles. — —
Das ist die große Gebärde des 16. Jahrhunderts. Bei Lionardo ist sie schonda, still und fein, wie es seine Art war. Fra Bartolommeo lebt von dem neuenPathos und spricht hinreißend, wie mit der Gewalt des Sturmwindes. DasBeten der Mater misericordiae und das Segnen seines Auferstandenen sindErfindungen von der größten Art: wie dort das Gebet in der ganzen Gestaltaufflammt und wie hier Christus segnet, voll Nachdruck und Würde, dagegenmuß alles frühere wie Kinderspiel erscheinen. Michelangelo ist von Hauseaus kein Pathetiker, er hält keine langen Reden, man hört das Pathos nurrauschen wie eine mächtige unterirdische Quelle, aber an Wucht der Gebärdevergleicht sich ihm keiner. Der Verweis auf die Figur des Schöpfers an derSixtinischen Decke mag genügen. Raffael hat in seinen männlichen römi-schen Jahren sich ganz mit dem neuen Geist erfüllt. Was für eine große Emp-findung lebt in dem Teppichentwurf zur Krönung der Maria, was für einSchwung in der Gebärde des Gebens und Empfangens 1 Es gehört eine starkePersönlichkeit dazu, um diese mächtigen Ausdrucksmotive in der Gewalt zubehalten. (Heinrich Wölfflin, Die klassische Kunst, 1898.)
SINNBILDLICHE JÜNGLINGSGESTALTEN IN FLORENZ
Florenz war nie reich an Standbildern. Sieht man von den obligaten desneunzehnten Jahrhunderts ab, so bleibt im Grunde nur der David des Michel-angelo als Darsteller des alten Stadtstaates, und der ist seit Jahrzehnten seinere igentlichen Bestimmung, vor dem Stadthaus als Wahrzeichen der Republik2 u stehen, entzogen worden. Daß die Florentiner, die anfangs nach ihm mitSteinen geworfen hatten, ihn dennoch im Laufe der Jahrhunderte zu ihremStandbild erhoben, darauf deutet die durch Volkssammlung kürzlich zustande-Sekommene Kopie, die nun am alten Standort aufgestellt ist. Dieser David,ei nst der Gigant genannt, weil er aus einem gigantischen Marmorblock ge-hauen, ursprünglich nur die Ausnutzung eines von einem früheren KünstlerVe rhauenen Steines bedeutete, entbehrt trotz des vorher Gesagten der floren-tinischen Geste. In die Reihe der Daviddarstellungen Gaddis, Donatellos," e rrocchios gerückt, erschlägt er seine Vorgänger, ohne jedoch etwas von der* nj nut des ,,bräunlichen schlanken Knaben" zu zeigen, die seit dem sel-s amen Kampf zwischen David und Goliath untrennbar ist von der Gestaltdes jungen Siegers. Nicht als ob es dem David Michelangelos an Weichheit"eben der Kraft und dem Trotz gebräche. Gewisse Stellen des Körpers, vondenen seine Schnellkraft mitbestimmt wird, ermangeln bei scheinbarerSchlankheit doch der Spannung: geheime Üppigkeiten wohnen ihm inne.Darüber vermag die stählerne Spaltung der Gelenke nicht hinwegzutäuschen,So Wenig wie der trotzig, fast wild herumgeworfene Kopf, der den uns un-
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