Demosthenes, vor dem ein kriegerischer König zitterte, wie Cicero, der denNamen ,,Vater des Vaterlandes" erwarb, Dichter wie Virgilus und Horatius,von denen man überzeugt war, daß sie der Kaiser auf dem Kapitol mit demLorbeer gekrönt und stets in seiner Umgebung gehabt, das waren die leuchten-den Vorbilder des unklaren Strebens.
Enea kam als Dichter nach Basel, das heißt nach damaliger Redeweise alsStilist in lateinischer Sprache. Da alles Schöne, was dem römischen Altertumentsprossen, geschichtliche und philosophische Werke, Reden und familiäreBriefe, mit einem poetischen Zauber umkleidet erschien, verlor sich ganzder Begriff, daß die Dichtkunst an metrische Form oder an das freie Waltender Phantasie über den Stoff geknüpft sei. Poesie und Eloquenz waren ziem-lich gleichbedeutende Wörter. Wer die strenge Gelehrsamkeit der theologi-schen, juristischen, medizinischen oder scholastisch-philosophischen Fach-disziplin aufgab, wer den Humaniora im Sinn und in Nachahmung des Alter-tums lebte, wer statt der starren, dogmatisierenden Form der Hochschulendie freie und künstlerische der augusteischen Periode sich aneignete, der warein „Dichter und Redner". — —
Wir haben nur zwei Reden Eneas aus seiner Basler Periode. In der einenempfahl er, als von einer Verlegung des Konzils um der Griechen willen dieRede war, das mailändische Pavia; die andere war eine Festpredigt am Tage desheiligen Ambrosius. Die Reden fanden viel Beifall bei den Vätern des Konzils:Pavia aber wurde nicht gewählt und die Predigt trug vielleicht zur Besserungdes Stils, nicht aber zu der der Sitten bei.
Es war die Zeit, wo Enea, nachdem er jahrelang die Verhandlungen des Kon-zils angehört hatte, endlich glaubte, den Schüler aus- und den Meister anziehenzu dürfen. „Uns gefielen Unsere Schriften nach Art der Dichter, die ihreGedichte wie Kinder lieben", so bekannte er als Papst in der Retractations-bulle. Die Fertigkeiten und Kenntnisse, die er in stillen und mühsamenStudien errungen, sollten endlich den Fleiß belohnen, den geistvollen Dichterund Redner zu Ehren bringen. Er empfahl sich den versammelten Väternim voraus, wenn er mit zuversichtlichem Stolze sagte: ,,Ich verachte nichtdie Kunst der Rede und der Wohlredenheit, wie ich es bei den meisten in dieserVersammlung sehe, welche jene Kunst höchlich verabscheuen und es aus-sprechen, sie hätten keine Beredtsamkeit und wollten auch keine haben." —So sollten sie denn fühlen lernen, was der Schüler der Alten vermöge. Wieleicht und flüssig rollt die Rede dahin, wie so klar und rund sind ihre Perioden,wie wohlgeordnet und eingeteilt die Gedanken und Argumente, wie lebhaftund eindringlich die Wendungen, wie zierlich die Bescheidenheitsfloskeln,wie wortreich und begeistert die ausgeschütteten Lobeserhebungen 1 Unddoch, die rechten Licht- und Glanzpunkte gab der polierten und elegantenRede erst die Fülle der klassischen Zitationen aus Virgilius und Sallustius,aus Ennius und Cicero, aus Livius und Juvenalis, ja, irgendein glücklichaufgegriffener Vers aus dem Homeros oder Euripides, alle verschwenderischund bunt durcheinander gemischt. Solche Sprüche und Beispiele glänzten,wie am goldenen Geschmeide der Besatz von Edelsteinen, oder wie im silbern-strömenden Bächlein hineingeworfene Blumen. Der Hörer wurde von Wort
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