der Weltsattheit, ja dem Weltschmerz des Alters sich sehen ließ — dies ge-rade entzückte die Zeit. Die philosophische Einsiedelei von Vaucluse, auswelcher er seine Briefe gern datierte „in der Stille der Nacht" oder „bei demAnbruch der Morgenröte", war ihm und seiner Zeit eine Wahrheit. Er hatein Buch de vita solitaria geschrieben; es atmet ganz die Freude an Ruhe,an Freiheit und an Muße, um zu sinnen und zu schreiben. Nichts hatte er imLeben mehr ersehnt als die Dichterkrönung auf dem Kapitol von 1341, und dochwar ihm die Stimmung auch eine Wahrheit, in welcher er sich fragte, ob ernicht besser durch Wald und Feld, unter Bauern, die von seinen Versen nichtwüßten, spazieren gegangen wäre. In dem Ruhm genoß er den Widerscheinseiner eigenen Persönlichkeit. Den Ruhm bei den Zeitgenossen fand er un-bequem, aber die merkwürdigen Aufzeichnungen über sein Leben und seinePerson widmete er ruhmesbewußt und ruhmesgesättigt „der Nachwelt".(Wilhelm Dilthey, Auffassungen und Analyse des Menschen im 15. und16. Jahrhundert, 1891/1893.)
DIE NEUE MENSCHENART
In dem Ringen von Renaissance und Reformation um die Befreiung des Gei-stes ging die Reformation auf die religiöse Stellung des Bewußtseins in ihrernatürlichen freien Lebendigkeit zurück; Macchiavelli erneute den römischenHerrschaftsgedanken; Grotius, Descartes, Spinoza auf der Grundlage derStoa die Autonomie der sittlichen und wissenschaftlichen Vernunft. Aber indieser Epoche des 15. und 16. Jahrhunderts, so voll von Spannungen, vonneuer Energie und Kraftentwicklung, ist zugleich alles neu. Die jungenNationen haben sich zu Einheiten formiert. Aus dem permanenten Kriegs-zustande des Mittelalters haben sich geordnete Rechtszustände, Industrie,Handel, Wohlstand der bürgerlichen Klassen, Städte als Mittelpunkte spon-taner industrieller Tätigkeit und wachsenden Komforts entwickelt. DieMacht der feudalen und kirchlichen Verbände ist in der Abnahme begriffen.Die Menschen blicken in eine grenzenlose Zukunft. Europa bildet ein Arbeits-feld, auf welchem Industrie und Handel mit wissenschaftlichem Erfindenund Entdecken, mit künstlerischem Gestalten verbunden. Und dies unge-stüme Treiben neuer Kräfte hat die geregelten Bahnen nicht gefunden, indenen es heute so wohldiszipliniert dahinfließt. Unbändige individuelle Kraftspricht daher aus den Entdeckern und Erfindern jener Tage. Sie offenbartsich in der neuen Politik der Landesherren und dem Selbstgefühl des städti-schen Bürgers, in jedem Anstreben gegen Druck, in den heroischen erz-gegossenen Gestalten des Donatello, Verocchio, Michelangelo, in dem fiebern-den Puls der dramatischen Handlung und der Helden von Kyd, Marlowe,Shakespeare, Massinger so gut als in den Grundbegriffen der Dynamik vonGalilei. Wie ein echter Held Marlowes, Mortimer, im Moment vor der Hin-richtung sagt:
„Beweint mich nicht,
der diese Welt verachtend, wie ein Wanderer
nun neue Länder zu entdecken geht."
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