PETRARCA: DIE ENTDECKUNG DES NEUEN MENSCHEN
Sein Ruhm war nach dem Urteil des venezianischen Senats der größte, denunter den Christen seit Menschengedenken ein Moralphilosoph und Dichtererlangt hatte. Virgils Geist und Ciceros Beredsamkeit schienen sich nacheinem Ausdruck der Florentiner in ihm mit menschlichen Gliedern bekleidetzu haben. Es waren nicht seine Sonette, in denen er doch auch mitten in derüberlieferten Spitzfindigkeit der Liebe und erkältenden Allegorien ergrei-fende Momente des Lebens neu und eigen darzustellen wußte, was diesenmagischen Zauber auf seine Zeitalter übte. Dieser lag auch nicht in der histo-rischen und ästhetischen Divination, mit welcher er unter seinen Manuskrip-ten, deren manche er dem Staub langer Vergessenheit entrissen hatte, oderunter den Trümmern von Rom, wo einst die „ungeheuren Männer" gewirkthatten, in sich das Denken und Leben seiner Vorfahren zu erneuern verstand.Am wenigsten lag dieser Zauber in den wissenschaftlichen Sätzen seinerMoralphilosophie, welche er aus Cicero, Seneca und Augustin zusammen-raubte. Keine von all diesen Leistungen hätte ihm seinen Weltruhm einge-tragen. Aber all dies waren Bestandteile und Erscheinungen von dem, wasdiesen geheimnisvollen Zauber übte. In seinem 32. Jahre, so berichtet ereinem Freunde gleich nach dem Vorgang, wanderte er den Mont-Ventouxaufwärts. Die Majestät des Rundblicks über die Sevennen, den Golf von Lyonund den Rhonefluß erweiterte ihm die Seele. Gehörte er doch unter die ersten,denen damals Naturgefühl im modernen Sinne ein Bestandteil ihres Lebens-gefühls geworden war. Die Sonne neigte sich vor dem Einsamen. Er schlugdie Konfessionen des Augustin auf, die ihn oft auf seinen Gängen begleiteten,und las: ,,Und die Menschen gehen hin, um die Bergeshöhen zu bewundernund die ungeheuren Fluten des Meeres und den breiten Lauf der Strömeund den weiten Kreis des Ozeans und die Bahnen der Gestirne — sich selbstaber lassen sie außer acht, vor sich selbst bleiben sie ohne Bewunderung." Ermußte gedenken, daß auch den Philosophen der Alten die Menschenseele dasWissenswürdigste und Bewunderungswürdigste gewesen sei. So berührtesich damals in ihm an jenem Tage das sokratische Scito te ipsum, dasaugustinische Noli foras ire, in te ipsum redi, in interiore homine habitatveritas, und seine eigne Beschäftigung mit den individuellen, unvergleich-baren lebendigen Zuständen seiner Seele. Das war etwas Eigenes undganz Neues. In diesen Zeiten völliger Verweltlichung der Kirche, Wandan Wand mit der Korruption von Avignon, ein Italiener, der in den großen,römischen Autoren seine Vorfahren liebte, und ein Dichter, der alle scho-lastischen Spinnegewebe für einen Moment vollen Lebens hinzugeben be-reit war: so konnte er die Idee fassen, ein voller ganzer Mensch sein zuWollen, sein Leben voll und ganz auszuleben. Das Gefühl des Lebens undseine dichterische Abspiegelung erfüllten seine Jugend, Denken über sichselbst, über den Menschen und über unser Schicksal seine späteren Jahre.Nichts hatte ihm in der Wissenschaft Geltung, als was auf den Menschen sichbezog.-------Daß ein Mensch mit den natürlichen Gefühlswechseln der Lebens-alter, der Liebesfülle der Jugend, der Ruhmbegierde männlicher Jahre und
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