Materialismus. Obgleich das Christentum mit wahrhaft christlicher Geduldlänger als ein Jahrtausend sich damit abgequält, diese Sprache zu spirituali-sieren, so ist es ihm doch nicht gelungen; und als Johannes Tauler sich ganzversenken wollte in die schauerlichsten Abgründe des Gedankens, und alssein Herz am heiligsten schwoll, da mußte er deutsch sprechen. Seine Spracheist wie ein Bergquell, der aus harten Felsen hervorbricht, wunderbar geschwän-gert von unbekanntem Kräuterduft und geheimnisvollen Steinkräften. Abererst in neuerer Zeit war die Benutzbarkeit der deutschen Sprache für die Philo-sophie recht bemerklich. In keiner anderen Sprache hätte die Natur ihr geheim-stes Werk offenbaren können, wie in unserer deutschen Muttersprache. Nurauf der starken Eiche konnte die heilige Mistel gedeihen. (Heinrich Heine,Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 1834.)
LOSLÖSUNG VON DER BILDLICHKEIT DES RELIGIÖSEN
VORSTELLENS
Bildlos war das Urchristentum gewesen, bildlos ebenso das Urdeutschtum.Das griechische Denken blieb anschaulich auch in seiner christlichen Meta-morphose, und dies ging aufs Mittelalter über. Für die deutsche Reformationaber, und eben darum ist sie so deutsch, lag der religiöse Vorgang ganz imInnerlichen und Unsichtbaren. „Der germanische Geist löste sich los von derBildlichkeit des religiösen Vorstellens, welche als Erbe Griechenlands dietheologische Metaphysik der abendländischen Völker beherrscht hatte." EsWar die Wendung dieser Denkweise ins Praktische, wenn Luther schon inseinem Manifest an den deutschen Adel heilige Kleider, heilige Orte, Umgangmit heiligen Dingen für gänzlich gleichgültig erklärte. Luther war, woraner selbst immer wieder erinnerte, ein Sohn des Volkes. Eine untersteuralte Schicht primitiven Deutschtums, bis zu welcher die fremden Kultur-rezeptionen nie vorgedrungen waren, kam durch ihn zur Auferstehung undzur Macht; er war im geistigen Typus ein Zeitgenosse desHeliand-Dichters: —von der Antike war er weltweit entfernt. Dies ist der letzte Grund seinerFeindschaft mit Erasmus; für den Protestantismus, dem er das Gepräge gab,War die ganze große Erziehungsarbeit, durch welche die Kirche in langenJahrhunderten den deutschen Geist der Kunst aufgeschlossen hatte, umsonstgetan. Womit Luther die Herzen rührte, das war seine mächtige Sprachkunst,die in seinem Munde hinreißende Musik wurde. Seine Bibelübersetzung unddie durch den protestantischen Schulunterricht im Volk verbreitete Leselusthaben mehr als etwas sonst der bildenden Kunst das Wasser abgegraben.Zugespitzt gesagt: das deutsche Volk hat sich durch zu vieles Lesen die Augenv erdorben. Die wahren protestantischen Künste wurden in Zukunft Poesieü nd Musik. (Georg Dehio, Geschichte der deutschen Kunst, 1921 ff.)
69