Bald haben dann diese Erfindungen zu Ergebnissen geführt, welche eineaußerordentliche Steigerung der Souveränität des Menschen gegenüber derNatur zur Folge hatten. Hierbei verwoben sich überall die Ideen der Altenmit dem vordringenden konstruktiven Geist der neuen Zeit. Als in wenigenJahren hintereinander, von jenem 12. Oktober 1492 bis zum Jahre 1522die Entdeckung Amerikas, die Auffindung des Seewegs nach Ostindien, dieErreichung des Stillen Ozeans und die erste Erdumsegelung einander folgten,hatte sich die menschliche Vernunft den Erdball unterworfen und begann sichauf ihm einzurichten. Und indem so die Kugelgestalt der Erde definitiv fest-gestellt war, tat sich ein unermeßlicher astronomischer Horizont auf; von derzunächstliegenden Hypothese der Achsendrehung aus gelangte Copernicuszu der endlichen Feststellung der größten Hypothese der antiken Welt. DieBedürfnisse der Seefahrt haben den astronomischen Arbeiten Interesse undHilfsmittel zugewandt. Dunkle und nicht ganz verstandene Nachrichtenüber die heliozentrische Hypothese haben Copernicus zu der größten Er-weiterung hingeleitet, welche die Welterkenntnis jemals erfahren hat; zu der-selben Zeit, in welcher der alternde Luther im Symbolglauben sich vergrübelte,entstand in dem Kopf eines katholischen Domherrn dieses wichtigste wissen-schaftliche Werk der Menschheit. Die Erschließung des Universums durchdas rechnende Denken wurde dann durch Kepler und Galilei fortgeführt.Und unter dem Einfluß derselben sozialen Bedürfnisse der neuen bürger-lichen Gesellschaft wurde endlich auch der erste entscheidende Schritt getan,die komplexen Phänomene dieses Universums einer wirklichen Analysis zuunterwerfen, welche die einfachen gesetzlichen Verhältnisse heraushob.(Wilhelm Dilthey, Die Autonomie des Denkens, 1891/1893.)
DIE NEUE MEDIZIN ALS NATURWISSENSCHAFT
Die griechische Heilkunde, wie sie einst Galen systematischer als seine Vor-gänger, aber schon nicht mehr in voller Originalität zusammenfaßte, hatteeinen weiten Weg gemacht, um nach Deutschland zu gelangen: — wie sievon arabischen Sammlern begriffen, dann durch die Vermittlung des Kasti-lianischen in ein barbarisches Latein übertragen und etwa von italienischenKommentatoren dem Bedürfnis der Zeiten angenähert worden, so ward siedamals auf den deutschen Universitäten gelehrt; der Kanon des Avicenna,der Kommentar des Johann d'Arcoli über eine Schrift Arrasis waren diegeschätztesten Lehrbücher, die man zum Beispiel noch in den zwanzigerJahren des sechzehnten Jahrhunderts in Wittenberg brauchte. Es leuchtetein, daß aus diesem Grunde die Kunst nicht gedeihen konnte, zumal da sichihr eine große Anzahl mittelmäßiger Köpfe widmete, die man ohne Schwierig-keit zu Doktoren erhob.
Man muß sich diesen Zustand vergegenwärtigen, um die Opposition des Para-celsus dagegen zu begreifen. Im hohen Gebirg aufgewachsen, wo sich man-cherlei sonst verschwundene Kenntnisse erhalten hatten, im Umgang mitGeistlichen von geheimnisvoller Erfahrung, mit Freunden chemischer Ver-suche, wie Siegmund Fugger zu Schwaz, in stetem Verkehr mit Bergleuten,
Wolters, Der Deutsche. 111,1.
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