eines Klosters erschien als ein Hafen der geängstigten Seele, als letzte Lösung
aller Fragen der Tod.-------
Nicht, daß sie jede Tätigkeit aufgegeben hätte, vielmehr eifriger ward sie alsje, jede Minute Zeit kaufte sie aus, aber alle Tätigkeit hatte nur einen Zweck,nur ein Ziel. Ihre literarischen Arbeiten und Studien sah sie als eine ihr auf-erlegte Pflicht an. Nicht lange vor dem Tode der Mutter hatte sie die Über-setzung der „Leiden des Persiles und der Sigesmunde" beendet. Jetzt über-nahm sie auf Raumers Rat und unter seiner Leitung die Bearbeitung vonSparks „Leben und Briefen Washingtons". Auch die Beschäftigung mit denalten Sprachen setzte sie fort, aber immer mehr gewann dieses Studium einenreligiösen, kirchlichen Charakter. Sie las die Schriften des heiligen Bernhard,der heiligen Therese, dann das Neue Testament im Urtexte, endlich lernte sieHebräisch. Auch ihre Teilnahme an den Künsten, besonders der Musik, hattediese Richtung. Sie studierte Generalbaß, um die alten kirchlichen Meisterzu verstehen. Mit tiefster Erschütterung hörte sie Bachs Passion; dann glaubtesie, wie sie sagte, am Kreuze Christi selbst zu stehen. Denn was war allesWissen? Ihr Wahlspruch ward: „Christum lieb haben ist besser, denn alles
Wissen." (Rudolf Köpke, Ludwig Tieck, 1855.)
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DEUTSCHLAND DER BODEN NEUER RELIGION
In Deutschland kann man schon mit voller Gewißheit die Spuren einer neuenWelt aufzeigen. Deutschland geht einen langsamen, aber sicheren Gangvor den übrigen europäischen Ländern voraus. Während diese durch Krieg,Spekulation und Parteigeist beschäftigt sind, bildet sich der Deutsche mit allemFleiß zum Genossen einer höheren Epoche der Kultur, und dieser Vorschrittmuß ihm ein großes Übergewicht über die andern im Lauf der Zeit geben.In Wissenschaften und Künsten wird man eine gewaltige Gährung gewahr.Unendlich viel Geist wird entwickelt. Aus neuen, frischen Fundgruben wirdgefördert. — Nie waren die Wissenschaften in besseren Händen und erregtenwenigstens größere Erwartungen, die verschiedensten Seiten der GegenständeWerden ausgespürt, nichts wird ungerüttelt, unbeurteilt, undurchsucht ge-lassen. Alles wird bearbeitet; die Schriftsteller werden eigentümlicher und ge-waltiger, jedes alte Denkmal der Geschichte, jede Kunst, jede Wissenschaftfindet Freunde und wird mit neuer Liebe umarmt und fruchtbar gemacht.Eine Vielseitigkeit ohnegleichen, eine wunderbare Tiefe, eine glänzende Politur,v iel umfassende Kenntnisse und eine reiche, kräftige Phantasie findet manhie und da und oft kühn gepaart. Eine gewaltige Ahndung der schöpferischenWillkür der Grenzenlosigkeit, der unendlichen Mannigfaltigkeit, der heiligenEigentümlichkeit und der Allfähigkeit der inneren Menschheit scheint überallr ege zu werden. Aus dem Morgentraum der unbehülflichen Kindheit erwacht,übt ein Teil des Geschlechts seine ersten Kräfte an Schlangen, die seine WiegeUmschlingen und den Gebrauch seiner Gliedmaßen ihm benehmen wollen.Noch sind alles nur Andeutungen, unzusammenhängend und roh, aber siev erraten dem historischen Auge eine universelle Individualität, eine neuebeschichte, eine neue Menschheit: die süßeste Umarmung einer jungen über-
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