ander stehn, jetzt die eine, jetzt die andere auf eine Zeit die Oberhand ge-winnt, jetzt beide sich die Wage halten, wie sie erst in dem physischen Lebender Völker, dann im geistigen Leben sich bekämpfen, also folgen sich nach derZwei- und Drei- und Vier- und Sechszahl die großen Perioden, die Werkel-tage der Weltgeschichte, die endlich ein Sabbat, eine durch den Sieg der Gott-heit geheiligte letzte Zeit, schließen soll. (Wolfgang Menzel, Die deutscheLiteratur, 1836.)
DOROTHEA TIECK
Schon früh zeigte Dorothea Tieck reiche Fülle des Talentes und eine Kraft,die ihren eigenen Weg gehen wollte. An den Dichtungen des Vaters bildetesie sich heran und wußte deren besonderen Charakter aufzufassen. Mit regerTeilnahme verfolgte sie seine Tätigkeit und ward die Genossin seiner Studien.Unter seiner Anleitung lernte sie die neuern Sprachen kennen und ihre Dichterlieben. Schon vor dem zwanzigsten Lebensjahre war sie mit Shakespeareund Calderon vertraut.
Nicht allein ein Teil des Talentes und der schnellen Auffassungskraft desVaters war auf sie übergegangen, sie war auch Erbin seines Tiefsinns und seinerSchwermut. Wie reich ihr Leben nach einer Seite hin ausgestattet war, immervermochte sie es nur mit dem Blicke des Ernstes zu betrachten. Und dieserBlick war schärfer für die schneidenden Kontraste, welche das Auge ver-wunden, als für die hellem, wohltuenden Farben. Dieselben Zweifel, mitdenen Tieck so oft gekämpft hatte, wiederholten sich bei ihr und warfen früheinen dunklen Schatten auf ihr Leben.
Aber das war es nicht allein. Die geistigen Schwingungen, welche die Roman-tik hervorgerufen hatte, setzten sich hier in einer spätem Generation fort.Die dichterische Stimmung, welche die Legende wiederbelebte und sich zumGlauben des katholischen Mittelalters neigte, war bei ihr zur Überzeugunggeworden und in das Leben übergegangen. Das sehnsüchtige Bedürfnis derReligion fand nur in diesen Formen Ruhe und Frieden. Schon als Kind warsie mit ihrer Mutter zur katholischen Kirche übergetreten. Doch was ihrFrieden gab, war von manchen Gegensätzen unzertrennlich. Tiecks eigenereligiöse Überzeugung war wesentlich protestantisch, das sprachen alle seineneuem Dichtungen aus. So kamen Augenblicke, wo sie sich von den Nächst-stehenden nicht verstanden glaubte und bei der kindlichsten Liebe zu ihrenEltern sich dennoch einsam fühlte. War es doch, als wenn gerade aus demVerkehr mit den Menschen, mit welchen man am innigsten verbunden ist,die man am meisten liebt, auch die reichsten Schmerzen erwachsen müßten.Und was wollte dieses Leben überhaupt, in dem Freude wie Schmerz, wenn sievorübergegangen waren, nur wie ein dunkler und fernliegender Traum er-schienen? Wie bunt trieb alles durcheinander! Mit welchem Eifer jagten dieMenschen dem Geringfügigen, Vergänglichen nach! In solchen Augenblickenkonnte sie alles für ein leeres Spiel halten. Von einer tiefen und mit den Jahrensteigenden Sehnsucht nach innerer Ruhe wurde sie ergriffen, in der sie dieseverwirrenden Netze von sich abstreifen und den Gedanken, die einander an-klagen und freisprechen, auf immer entfliehen könne. Nur die Einsamkeit
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