GÖRRES ALS GOTIKER
Unstreitig hat es zu allen Zeiten Charaktere gegeben, die als Repräsentanteneiner andern, künftigen oder vergangenen Zeit betrachtet werden müssen.Wie im Mittelalter selbst Arnold von Brescia, Petrarca und andre Vorbotender neuen Zeit schon von protestantisch-republikanischem Geist durchdrungengewesen, so hat unsre Zeit wieder ihre Repräsentanten des Mittelalters, dienicht auf eine äußere Weise durch Liebhaberei an jene Vergangenheit geknüpft,sondern innerlich von ihrem Wesen beseelt, organisch mit ihr verwachsen sind.Sie leben, denken und empfinden nur im Sinne des Mittelalters, alles tritt ihnenunter diesen Gesichtspunkt, und wenn sie zugleich die Bildung der neuernZeit in sich aufgenommen, so huldigt dieselbe doch der mittelalterlichen Ideeund dient nur, das Licht derselben in einer neuen Welt von Bildern, Gedankenund Empfindungen auszustrahlen. So erscheint Joseph Görres von Koblenz,einer der größten und merkwürdigsten Geister dieser Zeit, durchaus originellin seiner mittelalterlichen Illusion. Ich kann den Ausdruck dieses Geistes nurmit dem eines Straßburger Münsters oder Kölner Doms vergleichen. Wieman sagt, daß Winckelmann ein inwendiger Bildhauer und Tieck ein inwendigerSchauspieler sei, so könnte man auch von Görres sagen, er sei ein inwendigerBaumeister. Wenigstens mahnen uns alle seine Schriften in ihrem logischenAufriß und in ihrem reichen phantastischen Schmuck beständig an die KunstErwins. In allen seinen naturphilosophischen, mythologischen, politischenund historischen Werken zeigt sich der Tiefsinn des gotischen Freimaurers.Alle diese Werke sind ästhetisch nicht anders zu betrachten, denn als Kirchen,wundersam durchdachte, vom tiefsten Grunde bis zur pyramidalischen Spitzeplanvoll durchgeführte, unerschöpflich reiche Kunstwerke, die sich aber vonandern Gebäuden des menschlichen Geistes durch den Ausdruck des Christ-lichen, Heiligen, Kirchlichen sehr scharf unterscheiden. Görres hat überNatur, über den Geist, über Kunst, über ältere Geschichte und über neueregeschrieben und überall (einige jakobinische Jugendschriften ausgenommen)ist seine Ansicht die römisch-katholische, und es ist höchst interessant, zu sehen,wie die ganze moderne Weisheit unter diesem Gesichtspunkt sich ausnimmt.Wie die altkatholische Welt vom modernen Standpunkt aussieht, das habenuns tausend Schriftsteller gesagt, aber wie unsre moderne Welt von jenemaltromantischen Standpunkt aussieht, das sagt uns nur Görres. Als ein SchülerSchellings hat er die Verwandtschaft der Schellingischen Philosophie mit deraltkatholischen Mystik klar gemacht, und im Gegensatz gegen Oken, der nurvon der Natur ausging, ist Görres von der Geschichte ausgegangen und hatdie ganze Welt und Gottes Wirken in der Welt als ein lebendiges Werden,als ein schicksalvolles Ringen dargestellt. Görres bezeichnet im streng ka-tholischen Sinn als die Grundkräfte alles historischen Lebens eine irdische,sondernde, zerstörende und in die niedere Natur hinabführende und eine gött-liche, vereinende, erhaltende und einer höhern Natur entgegenführende Kraft,und im Kampfe dieser beiden Kräfte, der mit dem Siege der letzteren endensoll, sieht er die bald steigende, bald fallende und doch immer fortschreitendeBewegung der Weltgeschichte vorherbestimmt. Wie diese Kräfte gegenein-
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