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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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BEWAFFNETE TOLERANZ FRIEDRICHS

Ein Fürst, der es seiner nicht unwürdig findet, zu sagen, daß er es für Pflichthalte, in Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnendarin volle Freiheit zu lassen, der also selbst den hochmütigen Namen derToleranz von sich ablehnt, ist selbst aufgeklärt und verdient von der dank-baren Welt und Nachwelt als derjenige gepriesen zu werden, der zuerst dasmenschliche Geschlecht der Unmündigkeit, wenigstens von Seiten der Re-gierung, entschlug und jedem frei ließ, sich in allem, was Gewissensangelegen-heit ist, seiner eignen Vernunft zu bedienen. Unter ihm dürfen verehrungs-würdige Geistliche, unbeschadet ihrer Amtspflicht, ihre vom angenommenenSymbol hier oder da abweichenden Urteile und Einsichten, in der Qualität derGelehrten, frei und öffentlich der Welt zur Prüfung darlegen; noch mehr aberjeder andere, der durch kejne Amtspflicht eingeschränkt ist. Dieser Geist derFreiheit breitet sich auch außerhalb aus, selbst da, wo er mit äußeren Hinder-nissen einer sich selbst mißverstehenden Regierung zu ringen hat. Denn esleuchtet dieser doch ein Beispiel vor, daß bei Freiheit für die öffentliche Ruheund Einigkeit des gemeinen Wesens nicht das Mindeste zu besorgen sei.Die Denkungsart dieses Staatsoberhauptes geht noch weiter und sieht ein:daß selbst in Ansehung seiner Gesetzgebung es ohne Gefahr sei, seinen Unter-tanen zu erlauben, von ihrer eignen Vernunft öffentlichen Gebrauch zu machenund ihre Gedanken über eine bessere Abfassung derselben, sogar mit einerfreimütigen Kritik der schon gegebenen, der Welt öffentlich vorzulegen;davon wir ein glänzendes Beispiel haben, wodurch noch kein Monarch dem-jenigen vorging, welchen wir verehren.

Aber auch nur derjenige, der, selbst aufgeklärt, sich nicht vor Schatten fürchtet,zugleich aber ein wohldiszipliniertes zahlreiches Heer zum Bürgen der öffent-lichen Ruhe zur Hand hat, kann das sagen, was ein Freistaat nicht wagendarf: räsonniert so viel Ihr wollt und worüber Ihr wollt; nur gehorcht 1 Sozeigt sich hier ein befremdlicher, nicht erwarteter Gang menschlicher Dinge;so wie auch sonst, wenn man ihn im Großen betrachtet, darin fast alles para-dox ist. (Kant, Was ist Aufklärung, 1784.)

IRONISCHE TOLERANZ GOETHES.

Sehr merkwürdig und folgereich waren mir die Unterhaltungen Lavatersu nd der Fräulein von Klettenberg. Hier standen nun zwei entschiedeneChristen gegeneinander über, und es war ganz deutlich zu sehen, wie sich ebendasselbe Bekenntnis nach den Gesinnungen verschiedener Personen umbildet.Man wiederholte so oft in jenen toleranten Zeiten, jeder Mensch habe seineeigne Religion, seine eigne Art der Gottesverehrung. Ob ich nun gleich diesnicht geradezu behauptete, so konnte ich doch im gegenwärtigen Falle be-merken, daß Männer und Frauen einen verschiedenen Heiland bedürfen.Fräulein von Klettenberg verhielt sich zu dem ihrigen wie zu einem Geliebten,dem man sich unbedingt hingibt, alle Freude und Hoffnung auf seine Personle gt und ihm ohne Zweifel und Bedenken das Schicksal des Lebens anvertraut,Lavater hingegen behandelt den seinigen als einen Freund, dem man neidlos

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