verbannt, gehasset und verfolgt werden. So leidet man denn im ganzenChristentum lieber so manchen ungöttlichen Aberglauben, so manchen al-bernen Irrglauben und eitlen Zeremonientand, so manchen Wahn und phan-tastische Eingebung, ja lieber die abgesagten Feinde des christlichen Namens,als eine vernünftige Religion. Die wird für die ärgste und allgemeine Wider-sacherin der jetzigen christlichen angesehen, wider welche sich alle sonst nochso streitenden Parteien verschworen haben, sie gänzlich auszurotten. Hastdu den jüdischen Glauben von deinen Vorfahren bekommen: wohll bleibeein Jude, sage ungescheut, daß du es bist und beschneide deine Kinder; duwirst in und außer der Christenheit auf der ganzen Welt sichern Aufenthaltfinden und wohl gar freiwillig zum Bürgerrecht eingeladen werden. Hast dudes Papstes, Luthers, Calvins Glauben: so ist allenthalben im Römischen undvielen andern Reichen Platz für dich. Bist du ein Mennonit, Separatist, En-thusiast: es hindert nichts, man wird dich hie und da unter den Protestantenherbergen und schützen. Aber glauben mußt du doch etwas, was es dennauch sei. Eine reine vernünftige Religion zu haben und zu üben, ist wenigstensin der Christenheit nirgend erlaubt. Gehe nur! — Wohin? Zu den Juden,Türken und Heiden? Aber ich habe auch deren Glauben nicht; sie werden michebenso gläubig hassen, verdammen, verfolgen und noch dazu meinen, sietun Gott einen Dienst daran. Wir haben ein klares Beispiel davon an dem be-rüchtigten Uriel Acosta, den ich zwar übrigens nicht verteidigen will, aberder jedoch eine vernünftige Religion ohne Glauben an die jüdische oder christ-liche bekannte. Er war von Geburt und Erziehung ein Jude gewesen, und daer wegen der jüdischen Torheiten von ihnen abgetreten, dennoch auch keinChrist geworden. Nun hatte er also nirgend Schutz: er ward von seinenvorigen Glaubensgenossen aufs äußerste verfolgt, als ein Mensch, der gar keineReligion hatte, weil er weder ein Jude, noch ein Christ, noch Mohamedanerwäre. Als er sich endlich aus langem Überdrusse der erlittenen Drangsalewieder zu der Synagoge wandte, ward er auf eine schändliche Weise in derjüdischen Versammlung nackend gegeißelt und mit Füßen getreten. Da hälter denn den pharisäischen Juden nicht unbillig vor: ob sie dann nicht wüßten,daß nach ihren eigenen Lehrsätzen, außerdem, eine wahre und seligmachendeReligion sei, welche dem Menschen als Menschen angeboren worden undwelche die gesunde Vernunft und das Gesetz der Natur lehre; die sie selbstdem Noah und allen Erzvätern vor dem Abraham zueigneten, welche ihn auchnach dem Gesetze Mosis berechtigte, unter den übrigen Juden als einer derNachkommen des Noah zu leben? Er kann daher seine Verwunderung nichtbergen, daß die christliche Obrigkeit den Juden in solchem Falle richterlicheGewalt und Strafen zugestünde und glaubt, wenn Christus selbst noch jetztin Amsterdam bei den Juden wider ihre pharisäische Heuchelei predigte, undes gefiele ihnen, denselben abermal zu geißeln, so würden sie es da frei tunkönnen. Sehet! so wird die vernünftige Religion bei allen Arten des Glau-bens als eine allgemeine Feindin angelassen. (Lessing, Fragment eines Un-genannten, 1774.)
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