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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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Christentum entfernte sich keineswegs von dem Boden, den der Pietismusbehauptet, und seine religiöse Schriftstellerei richtete sich wesentlich an solcheLeser, die im Pietismus standen. Nur war er darauf bedacht, ebenso wie La-vater das Humanitätsstreben des Zeitalters mit jener Auffassung des Christen-tums zu verbinden und diese durch jenes zu mäßigen. In der Stimmung desGegensatzes zum Pietismus hatte Stilling in denScenen aus dem Geister-reiche" (1793), einem christlichen Gegenstück zu Lucians Totengesprächen,unter dem Titeldie Pietisten" geschildert, wie Vertreter dieser Richtungnach ihrem Tode über ihr Schicksal und das der anderen enttäuscht werden.Anstatt selbst zu der erwarteten Seligkeit zu gelangen, finden sie, daß die-selbe solchen zuteil wird, denen sie sie abgesprochen haben. An diesem Titelaber hatten sichviele rechtschaffene und christliche Leser" geärgert. Umalso sie zu begütigen, setzte Stilling in der zweiten Ausgabe (1799) den Titel:Die christlichen Pharisäer", und sprach sich in seiner ZeitschriftDer graueMann" über den ersten Titel und seine Meinung näher aus. Er unterschiednämlich zwischen wahren und falschen Pietisten. Er erinnerte daran, daß erselbst im Pietismus erzogen sei und demselben noch immer angehöre. Er be-kennt ferner, daß die Pietisten das Volk des Herrn, das Salz der Erde und dasgeistliche Israel seien. Allein durch diese Zugeständnisse findet er sich be-rechtigt, auch die Fehler zu bezeichnen, an welchen die Gesellschaft leidet.Er nennt als solche den frömmelnden Anstand in Kleidern, Mienen und Ge-bärden, daß man zum Beispiel auf altfränkische Kleidung und dergleichenGewicht legt, ferner den Gebrauch von stehenden Ausdrücken, die man alsbesondere Merkmale von Frömmigkeit geltend macht, weiter die Schätzungder Konventikel als eines wesentlichen Bestandteils des Christentums, end-lich das Splitterrichten, welches der Deckmantel von nicht überwundenerEigenliebe ist. Und er fügt hinzu:Glaubet mir, es gibt vortreffliche undGott teure und werte Seelen unter denen, die ihr für Weltmenschen haltet.Diese Seelen wissen selbst nicht, daß sie den wahren Büß,- Glaubens- und Ver-leugnungsweg gehen und gegangen sind, weil es ihnen niemand sagte; gerade so,wie ein sehr vernünftiger, aber ungelehrter Mann herrlich urteilt, ob er gleichdie logischen Regeln, nach denen er urteilt, nicht benennen kann." DieseErklärungen sind sehr merkwürdig. Der letzte Vergleich ist freilich nichtdurchaus treffend; aber die Gesinnung, welche in dieser Anerkennung vonprotestantischer fides implicita laut wird, gehört ebenso gewiß zu der Huma-nität und Toleranz des 18. Jahrhunderts, als sie im Pietismus keine Wurzelnhat. In den Rügen, welche Stilling erteilt, erscheint dieselbe Richtung aufweltförmige Freiheit der Sitte und humane Zucht über sich selbst. Alleindadurch wird nicht ausgeschlossen, daß Stilling für seine Person den Bodendes Pietismus festhält und den durch Aufklärung und französische Revo-lution bedrohten Bestand der christlichen Religion an ihn gebunden achtet.Den Pietisten nämlich rühmt er nach, daß sie darum grundgut und gebessertsind, weil sie den praktischen Glauben hegen an das natürliche Verderbender gesamten Menschheit, an die Erlösung durch das Leiden des menschge-wordenen Sohnes Gottes, an dessen Regierung der Welt und an die Bekehrungund Heiligung des bußfertigen Sünders durch den heiligen Geist. Der Pietismus

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