andere, mit geistlichen Gaben ausgerüstete die Schrift läsen und einander sichbelehrten, zweitens die Aufrichtung und Übung eines geistlichen Priester-tums als allen Christen zugänglich, die Einschärfung der Lehre, daß es mit demWissen im Christentum nicht genug sei, sondern dies viel mehr in der Aus-übung bestände, das Dringen auf eine andere Bildung der Prediger auf Uni-versitäten und die Geringschätzung einer „bloßen Philosophie von göttlichenDingen", der Tadel der herrschenden Kanzelberedsamkeit, die Forderungvon Duldsamkeit und Liebe gegen abweichende Glaubensansichten, endlichdie Ermahnung, den „inneren oder neuen Menschen aus dem Schlafe zu wecken",tönten mit unbegreiflicher Schnelligkeit in den Seelen von tausenden widerund brachten, verstanden, halb oder ganz mißverstanden, die nachhaltigsteBewegung in der kirchlich deutschen Welt hervor.
Schon aber lagen in der Gewährung der häuslichen Andacht, der Aufforderungzum geistlichen Priestertum, der Hintansetzung theologischer Gelehrsam-keit, der Verwerfung bisheriger Seelsorgertätigkeit, in der Gleichstellungreligiöser Meinungsverschiedenheit und in der Lehre von der Erweckung desneuen Menschen, die Keime der Gefährdung aller geregelten Kirchlichkeit,die Gründe zum Seperatismus, Konventikelwesen, pietestischem Hochmut,Verachtung des geistlichen Standes, enthusiastischer Träumerei und fanati-scher Verzückung, welche dem Erbauer der neuen Kirchlein und seinem Werkeso böse Nachrede, der lutherischen Kirche so viel Verwirrung bereiteten.Einmal losgelassen aus der Gefangenschaft, kannte der aufgeregte Geistkeine Schranken; er bemächtigte sich der vorsichtig hingeworfenen GedankenSpeners von der „besseren Zukunft", der Bekehrung der Juden, „dem Laien-priestertume", der Wiedergeburt durch Buße und Ertötung des kreatürlichenMenschen, um, mit Heraufbeschwörung uralten gnostischen Wahnsinns, diealle Ordnung bedrohenden Versuche, solches Weltalter in einer wunderlichenArt des Kommunismus herzustellen, möglich zu machen. (Friedrich Wil-helm Barthold, Die Erweckten im protestantischen Deutschland, 1852/1853.)
ZINZENDORF
Nikolaus Ludwig Graf und Herr von Zinzendorf, Pottendorf und so fort, ge-boren 1700, ging im Jahr 1760 als ein Eroberer aus der Welt, desgleichen eswenige und im verflossenen Jahrhundert keinen wie ihn gegeben. Er konnterühmen, daß er „in Herrenhut und Herrenhaag, Herrendick und Pilgerruh,Ebersdorf, Jena, Amsterdam, Rotterdam, London, Oxford, Berlin, in Grön-land, St. Cruz, St. Thomas, St. Jean, Barbesieu, Palästina, Surinam, Savannah,in Georgien, Carolina, Pennsylvanien, Guinea, unter Ungarn, Wilden undHottentotten, desgleichen in Lett-, Liv-, Esthland, Litauen, Rußland, amWeißen Meer, in Lappland, Norwegen, in der Schweiz, auf der Insel Man, inÄthiopien, Persien, bei den Boten der Heiden zu Land und See", Gemeinenoder Anhänger habe. „Ruhig und gelassen", sagt sein Lebensbeschreiber,„sah er umher, blickte und sprach die Seinigen liebevoll an, freute sich seinesvollbrachten Lebens und des Segens, der ihm zuteil geworden war, und starban einem Tage, dessen Losung bei seiner Gemeine war: Er wird seine Ernte
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