Indessen waren alle diese Bewegungen — in Deutschland wenigstens — immernur vereinzelte und ohne Einfluß auf die allgemeine Gestaltung des kirchlichenLebens. Höchstens bildeten sich um die Apostel neuer Offenbarungen Gruppenvon Anhängern, die bisweilen mit ihren Urhebern zugleich wieder verschwan-den, bisweilen diese eine Zeitlang überdauerten, nur in seltenen Fällen sichauch äußerlich von der bestehenden Kirchengemeinschaft lossagten und zuförmlichen Sekten abschlössen, gewöhnlich bloß im Stillen, einzeln oder ver-eint, ihren schwärmerischen Ideen nachhingen. (Karl Biedermann, Deutsch-land im 18. Jahrhundert, 1854/1880.)
SPENER UND SEINE WIRKUNG
Spener, unbefriedigt durch die herkömmlichen Anstalten kirchlicher An-dacht, genügte sich nicht, als einfach verständlicher Prediger den „lebendigenGlauben" zu fördern, die „fleischliche Sicherheit" zu bekämpfen, die „Heili-gung des Lebens" zu erbauen, nicht als Katechet freiwillig Sonntags nach-mittags dem mangelhaften Religionsunterrichte des Volkes abzuhelfen, son-dern, erfreut und aufgemuntert durch den warmen Anteil, welchen unge-sättigte Seelen außerhalb der „öffentlichen Verkündigung des Wortes" anfrommen Privatbesprechungen und gemeinsamem Bibellesen nahmen, beganner im August des Jahres 1670 die so berühmt und berüchtigt gewordenen„Collegia pietatis". Männer der gebildetsten Kreise, Patrizier, wie die Ochsen-steine, Uffenbach, hatten in der Klage sich geeinigt, daß in den gewöhnlichenGesellschaften nur von weltlichen Dingen die Rede sei, und eine engere Gemein-schaft gewünscht, die es gestatte, sich untereinander in gottseligen Gesprächenzu ergehen. Da Zusammenkünfte der Art ohne Leitung eines Geistlichenleicht gefährlich wirken könnten, gab Spener sein Studierzimmer her, undbald fanden sich hier Leute aller Stände, Gelehrte und Ungelehrte, Kaufleuteund Handwerker, Männer und Weiber jeglichen Alters beieinander, welcheteils, wie die abgesonderten Frauen, bloß zuhörten, teils in vertraulicher Unter-redung über die letzte Predigt, doch ohne theologische Kontroverse, auf Er-regung einer lebendigen Frömmigkeit hinzuwirken strebten. Da niemand zusolchen wöchentlichen Versammlungen eingeladen, niemand ausgeschlossenWar und der Reiz der Neuheit anzog, sah man in Speners Museum nicht seltendurchreisende Fremde, besonders viele von hohem Range, denen der Lieb-ling des Hauses Rappoldstein schon früher freundlich nähergetreten war undsie auf nahen Schlössern besucht hatte. Von Tag zu Tag die Gebrechen derlutherischen Kirche eindringlicher überschauend, überzeugt, daß eine Re-formation niemals von der Obrigkeit ausgehen werde, schüttete Spener imJahre 1675 in der Vorrede zur neuen Ausgabe der Arndschen Postille sein ganzes**erz über diese große Angelegenheit aus und verbreitete durch die „PiaDesideria" sein herzliches Verlangen nach gottgefälliger Besserung der evan-gelischen Kirche und die dahin abzweckenden geistlichen Vorschläge über dashorchende Deutschland. Die Hauptmomente: der Wunsch, nach Vorbildder alten apostolischen Kirche außer dem öffentlichen Gottesdienste nochandere Versammlungen zu stiften, in denen nicht allein Lehrer, sondern auch
41