Der Jesuitenorden erhielt zu der Macht den Glanz, Loyola und Franz Xaverwurden kanonisiert; in der Congregation de Propaganda fidei entstand einin seinem Geiste wirkendes, großartiges Institut, das die Verbreitung desKatholizismus über den Erdkreis sich zur Aufgabe gestellt hatte. Überallkräftiges Vordrängen: in Deutschland glaubenseifrige Fürsten, wie KaiserFerdinand II. und Maximilian von Bayern, in Frankreich die mächtige Re-aktion des Katholizismus gegen die bislang geduldeten Hugenotten, in Eng-land ein dem Papsttum mit heimlichem Eifer zugeneigtes Königshaus undeine starke, dasselbe stützende Partei, in Belgien der völlige Sieg der altenKirche. Das sind die politischen Wahrzeichen, unter denen der Barockstilseinen Einzug in Rom und hiermit in die katholische Welt und über derenGrenzen hinaus feierte.
Aber nicht die geistigen Mittel, nicht der innige seelische Zusammenhaltzwischen Glauben und Volksempfinden, nicht die neu erwachte Frömmigkeitallein waren es gewesen, die dem Katholizismus seine Kraft und mit ihr seineAusdehnung wiedergegeben hatten. Sehr energischer weltlicher Unterstüt-zung hatte es bedurft, um dem Gegner mit Erfolg gegenüberzutreten. Denner erfüllte nicht mehr die Gemüter mit jener Ausschließlichkeit, wie in denguten Zeiten des Mittelalters, nicht mehr war die Kirche die einzige Lehrerindes Volkes, die Theologie die Basis jeder Art des Erkennens. Ein tiefer undmächtiger Riß trennte die wissenschaftlich Gebildeten, die auf Erkenntnisgestellten Forscher von dem naiven Aufgehen in die Glaubenswahrheiten.Es bedurfte mehr als je vorher eines Verzichtes auf eigenes Denken, um sichdem Dogma völlig hinzugeben, der Glaube saß nicht wie eine Naturnotwendig-keit im Herzen des Volkes, er mußte nur zu oft durch einen gewaltsamenWillensakt der eigenen Seele aufgedrängt werden. Es war die Zeit, da Des-cartes seine tiefgreifende Zweifelslehre aussprach, Galilei und Kepler dieWeltweiten mit mathematisch geschultem Auge durchforschten. Die refor-matorische Bewegung hatte jenen Sinn für wissenschaftlich kritische Auffas-sung der Dinge zurückgelassen, der das Revolutionszeitalter vorbereitete,den niederzudrücken die schwerste und nimmer ruhende Arbeit des Jesuitis-rnus und der von ihm geleiteten katholischen Kirche war. Da aber die Be-kehrung des Zweifelnden durch die überzeugende Kraft der Dogmen nur seltengelingen wollte, da in jeder zugleich gläubigen und auch gebildeten Brustaber das Vertrauen zu denselben nur durch das bewußte Mißtrauen in dieKraft eigener Erkenntnis erlangt, mithin ein Akt des Willens war, so glaubteman mehr als früher, die Willensänderungen erzwingen und durch Gewaltdie Menschen zu innerer Umkehr bringen und zur Religiosität führen zu können.Nicht Irregeführte sah man in den Schismatikern, sondern Böswillige, die inkecker Eitelkeit und Selbstüberhebung sich über jenen zur Seligkeit des Glau-bens führenden Verzicht auf eigenes Denken erhaben dünkten, Frivole, welchefür die schwankenden Resultate einer ihr menschliches Können überschätzen-den Wissenschaft leichtfertig ewige Wahrheiten hingaben, Unkluge, die nichtbegreifen wollten, daß der Mensch unfähig sei, die letzten Dinge zu ergründen.Niemals ist mehr Witz aufgewendet worden, um den Unwert alles Witzesnachzuweisen, als damals in der Katholischen Kirche, niemals aber auch roher
31