oder Pinsel greifen. Aus diesem Grunde zeigte schon der Vorabend der Re-formation in der Baukunst ein Übergewicht der beweglichen stimmunggeben-den Momente über die konstruktiven; und weiterhin ein Zurücktreten derBaukunst überhaupt. In der Tat war schon geraume Zeit vor 1517 die innereLähmung des Kirchenbaues, also der Hauptform monumentaler Betätigungeine offenkundige Tatsache, wie sie auch die mit 1517 eintretende äußereKrisis um mehr als ein halbes Jahrhundert überdauert hat und auf der alt-gläubigen Seite um nichts weniger als auf der protestantischen. Die äußerenStörungen des Bauwesens durch die kirchliche Revolution, den Bauernkriegund die täuferischen Bewegungen gingen vorüber; früher kamen, längerdauerten und tiefer saßen die inneren Hemmungen.
Letzten Endes handelte es sich um ein Schwachwerden des monumentalenGefühls überhaupt. Daß der Stillstand in der Baukunst einen ebensolchenin der Bauplastik zur Folge haben mußte, ist vorerst klar. Die Glasmalereizog sich nach letzten gewaltigen Anstrengungen auf das bürgerliche Scheiben-bild zurück, wurde der Tafelmalerei ähnlich; für ein neues Gedeihen der Wand-malerei, wie es von der Berührung mit der italienischen Renaissance wohlhätte erwartet werden müssen und hier und dort auch versucht wurde, fehltenalle Grundlagen. Wie hätte aber die Tafelmalerei allein dem ungestümenDrang nach dem Bilde Genüge tun können.
Aus dieser Lage erwuchs der Reformationszeit die ihr eigentlich die Signaturgebende Blüte der Graphik. Sie gab der künstlerischen Erfindungslust eineunvergleichliche Flüssigkeit und Vielseitigkeit, sie zog alle Kreise des Pu-blikums zu einer Anteilnahme heran wie nie zuvor, sie gab Deutschland in dereuropäischen Kunst eine ausgeprägte Sonderstellung. Wir dürfen einen Schrittweiter gehen und die Behauptung wagen: Holzschnitt, Kupferstich und Zeich-nung haben nicht nur die reichsten Wirkungen geerntet, sie sind, alles er-wogen, auch das Beste in der deutschen Kunst dieser Zeit. Dürer war es, der,den Spuren Schongauers folgend, den Bilddruck zu seiner Machtstellung führte,gleichwie der Buchdruck erst von Luthers Bibelübersetzung seine höchsteWeihe und Wirkung empfing. Erstaunlich schnell und vollständig machtesein Beispiel Schule. Unter den Zeitgenossen war Grünewald, auch hierineinsam und geheimnisvoll, der einzige, der dem Bilddruck keine Beachtungschenkte. Sonst haben alle, Große und Kleine, ihm ein gutes, oft das beste Teilihrer Kräfte zugewendet. (Georg Dehio, Geschichte der deutschen Kunst,1921 f.)
WIDERSTREIT DER RELIGIÖSEN KRÄFTE
Das Interim wurde der Anfang heftiger theologischer Streitigkeiten unterLuthers Anhängern selbst. Unhold ist der Verlauf dieser Händel, die bestenGeister wurden verbittert und rieben ihre Kraft auf in einem Hader, für desseneinzelne Streitsätze wir uns nicht mehr begeistern können.Der Kampf der Männer wurde auch ein Kampf der Universitäten: die Nach-kommen Friedrichs des Weisen hatten mit dem Kurhut auch die UniversitätWittenberg verloren, Melanchthon und die Wittenberger standen unter dem
2 Wolters, Der Deutsche. 111,1. __