war einmal ein freier und losgelassener Flüchtling geworden, und kein Bann-strahl, kein Despotenschwert konnte ihn wieder ganz zum Sklaven machen,seitdem am Rhein das erste Buch gedruckt worden war; aber er war frecher,je verfolgter erwar; er ward brennender, je weniger die immer mehr verarmendeund verkümmernde Seele seiner Glut ihre milde Wärme beimischen konnte.Sein Wirken durch das Mittelalter war nur fein, alles zuspitzend und schärfend,mit einzelnen Fünkchen stechend; aber er durfte nicht brennen, er durftekein Feuer machen und die Welt hineinwerfen, mit den Flügeln darüberklatschen und frohlocken: „brenne deine Schlacken aus, und werde rein undgefühllos wie ich!" Er ward unter Zucht gehalten. Die Reformation gabihm aber einen herrlichen Tummelplatz. Von ihr läuft seine siegende Herr-schaft bis an unsere Tage fort; noch ist er der Alleinherr, obgleich er schonim harten Streit gedrängt wird. (E. M. Arndt, Germanien und Europa, 1803.)
REFORMATORISCHE BEWEGUNG IN DER BILDENDEN KUNST
Sinngemäß ist die Kunst der Reformationszeit zu definieren als: die Kunst derGeneration, welche den Tag von Wittenberg im reifen Mannesalter erlebte,Welche in ihrer inneren Verfassung die Bedingungen geschaffen hatte, durchdie die Reformation aus einer theologischen Streitfrage zu einer Umwälzungdes ganzen nationalen Lebens wurde. Der Geist dieser Generation gibt derKunst des Zeitalters das entscheidende Gepräge. Der Spaltung des formalenStilbewußtseins durch die Renaissance setzt sich die Einheit dieses Geistesentgegen. Besäßen wir über sie kein anderes Zeugnis als ihre Kunst, so würdeallein schon diese uns sagen, was diese Generation war: eine außerordentlicheim Ernst ihrer Gesinnung, männlich durchaus, tiefsinnig, schicksalsbereit,groß denkend vom Sinn des Lebens und dem Beruf des Menschen. Die Sonneschien ihr heller und jede Ader stömte voller, es war in ihr eine Lust zu leben,wie Ulrich von Hütten in ihrem Namen ausrief, und zugleich war sie von demPathos eines tiefen Ernstes erfüllt. Es ist ein jeder Erklärung sich entziehenderVorgang der Geschichte, daß einer einzigen Generation die Macht gegebenwird, das Leben ihres Volkes auf lange Zeit hinaus entscheidend zu bestimmen:e ine schwache und niedrige kann in wenigen Tagen das Arbeitsergebnis einesJahrhunderts verderben, eine großgesinnte, männliche rasch vollenden, wase iner langen Reihe von Vorfahren unerreichbar war. Ungleich den früherenreligiösen Reformbewegungen, deren es schon viele gegeben hatte, spanntedas 16. Jahrhundert um den religiösen Mittelpunkt einen weiten Bogenuniverseller Forderungen: nationale und humane, staatliche, gesellschaft-liche und wissenschaftliche. Ihnen mußte notwendig die künstlerische Reformsich anschließen.
Zum erstenmal trat es klar ins Bewußtsein: die Ideenwelt des Mittelaltershatte sich überlebt, ein Neubau mußte begonnen werden an vielen Enden zu-gleich. Es war einer der größten Momente unserer Geschichte, als die Mög-üchkeit bestand, daß die Reform der Kirche, die des Reiches und die der wirt-schaftlichen und sozialen Ordnung, daß diese drei in einen einzigen Stromzusammenfließen konnten. Es ist dazu nicht gekommen. Die Last einer an Ver-
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