Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
Seite
13
Einzelbild herunterladen
 

hielt die alte Gestalt. Das ist jener Riß, der unglücklicherweise mitten durchDeutschland durchgegangen; im Süden stehen die alten Berge, im Nordenbrandet das offene Meer. Der Norden hat sich ganz auf die eine Seite hinge-wendet und England hat sich dadurch zur Höhe und zur Herrschaft des freienElements hinaufgeschwungen. Der Süden, Italien und Spanien ganz reinund Frankreich größtenteils haben sich zum andern gehalten; auch sie habenjedes zu seiner Zeit geherrscht. Nur Deutschland, von beiden in Anspruchgenommen, hat sich unter beide geteilt, und darum mußte es eine lange Zeit ver-dorben sein.

Die aber sind gar sehr im Irrtum, die da meinen, diese Reformation sei etwasZufälliges gewesen, das, aus persönlichem Übermut hervorgegangen, wohlauch hätte unterbleiben können. Solange die frische Jugend noch gegrüntund die alten Satzungen in Einfalt noch beschlossen waren, mußte alles leid-lich wohl zusammenhalten; und überdem war das erste Jahrtausend hinge-gangen, ehe der Norden dem Heidentume völlig abgewonnen war. Als es abererst dazu gekommen, daß in der Ruhe sich das Werk entwickelte und seinsüdlicher Charakter sich offenbarte, da mußte auch nach Norden hin der Wider-spruch kundgegeben sein. Odins Himmelsburg war nach ganz anderem Planegebaut, als die Kirche vom Lateran, die da heißtomnium urbis et orbis ecclesi-arum mater et caput", und in der deutschen oder gotischen Baukunst, alssie von der griechisch-römischen sich abgerissen, hat schon die Reformationihren Anfang genommen. Es sind die Norden vom Urbeginn auf Freiheit an-gewiesen, ihr sind sie bei der Wanderung im unwirtlichen Lande nachgezogen,Wo die rauhe Natur sich starke, aber eigenwillige Kinder zieht. Nie habenPriester und Weltreiche bei ihnen gedeihen wollen, und so haben sie sich auchihrem Glauben nicht gefangen geben mögen. Daß die Menschen gleich seienvor Gott wie vor dem Gesetze, davon sind sie immer ausgegangen, und daßder Glauben der Überzeugung folgen, nicht ihr vorangehen müsse. War abersolcher Widerspruch erst aus der nordischen Art heraus laut geworden, dannWar auch beinahe unausweichlich die Spaltung Deutschlands damit gegeben.Denn von allen früheren innerlichen Gegensätzen ist hauptsächlich ein großerdurchgreifender geblieben, der die Mitternächtlichen von denen im Mittagtrennt. Schon in der Form des Landes ist diese Verschiedenheit angedeutet,indem die einen die Ebenen zusamt den Meeresufern bewohnen, die anderndas Hochland besitzen und die Quellen der Flüsse. Kund gibt sie sich dannäußerlich, indem sie die Sprache in zwei große Mundarten teilt: die breite,viereckte, derbe, witzige Niederdeutsche, die in ihrer milden Betonung, beischarfer glücklich naiver Bezeichnung von Zuständen und Anschauungendie Sprache der Bauern, Schiffer und Fischer ist, und in früherer Zeit wahr-scheinlich das ganze niedere Land beherrschte. Dann die harte, bestimmte,rasche, metallische, helle, scharf betonte oberdeutsche Mundart, die von denHöhen der Schweiz über den ganzen gebirgigen Teil Deutschlands erklungenund eine Sprache der Alpenhirten, Bergjäger und Winzer ist. Mitten unterihnen ist dann die adelige, schriftgelehrte, zahme und zierliche hochdeutscheentstanden und hat die beiden anderen nach und nach bis zu den äußerstenGrenzen in Berg und Niederung verdrängt. Und wie nun Boden und Sprache

13