denken, sich zu verheiraten, sein väterliches Erbe anzutreten; ein häuslichruhiges Leben mutete auch ihn an: der Glanz einer schon erworbenen Repu-tation würde es doch auf immer emporgebracht haben. Da berührte ihn derHauch des Geistes, welchen Luther in der Nation erweckt hatte; eine Aussichttat sich auf, gegen die alle bisherigen Erfolge nur wie ein Kinderspiel erschie-nen; seine ganze Überzeugung, alle Triebe seines Geistes und seiner Tatkraftwaren davon ergriffen. Einen Augenblick ging Hütten mit sich zu Rate.Der Feind, den man angriff, war der mächtigste, den es gab, der noch nieunterlegen, der seine Gewalt mit tausend Armen handhabte; wer es mit ihmaufnahm, mußte wissen, daß er sein Lebtage niemals wieder Ruhe findenwürde; Hütten verbarg es sich nicht; man sprach darüber in der Familie, dieauch ihre Güter durch dies Unternehmen bedroht glaubte; „meine frommeMutter weinte", sagte er; — aber er riß sich los, verzichtete auf sein väter-liches Erbe und griff noch einmal zu den Waffen.-------Allenthalben predigte
Hütten, Deutschland müsse Rom verlassen und zu seinen Bischöfen undPrimaten zurückkehren. „Zu deinen Gezeiten, Israel", rief er aus, und wirvernehmen, daß er bei Fürsten und Städten vielen Anklang fand. Er hielt sichgleichsam für bestimmt, diese Sache durchzusetzen, und eilte an den Hof desErzherzogs, um ihn womöglich persönlich zu gewinnen, mit sich fortzureißen.Schon erfüllte ihn eine kühne Siegeszuversicht. In einer Schrift, die er unter-wegs verfaßte, weissagte er, die Tyrannei von Rom werde nicht mehr langedauern; schon sei die Axt an die Wurzel des Baumes gelegt. Er fordert dieDeutschen auf, nur Vertrauen zu ihren tapferen Anführern zu haben, nichtetwa in der Mitte des Streites zu ermatten: denn hindurch müsse man, hin-durch, bei dieser günstigen Lage der Umstände, dieser guten Sache, diesenherrlichen Kräften. „Es lebe die Freiheit. Jacta est alea." Das war seinWahlspruch, „der Würfel ist gefallen, ich habs gewagt". (Leopold vonRanke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, 1839/1847.)
ERWEITERUNG DER SPALTUNG ZWISCHEN NORD- UND
SÜDDEUTSCHEN
Als aus dem Weizenkorn des ursprünglichen Christentums die Hierarchieentkeimte, da hat sie mit ihren Ranken den ganzen Weltteil nach und nachumsponnen und bedeckt. Das Geisterreich in sich ist frei und dem offenenMeere zu vergleichen, wo Welle sich an Welle bricht und Strömungen wieWinde wehen. Jedes System aber ist fest, stellt eine bestimmte Form undGestaltung dar und ist wie Kontinent und die Feste in den Wassern. Als diealtrömischen Formen durch die große Völkerüberschwemmung verschlungenwaren, da mußte der Fels des Petrus der Kern werden, an den eine neue Weltsich angesetzt; es war der Keimkrystall, der die schlagenden Wogen nach undnach bezwang, daß sie gestehend nach bestimmtem Gesetz anschössen und dasflüchtige Element in ein helles klares kristallnes Eis gestand. Aber im Verlaufder Zeiten regte sich wieder unruhig der Geist, der über den Wassern schwebt,und es brach der Kristall von Osten nach Westen voneinander, und was imNorden lag, zerfloß in die ursprüngliche Freiheit wieder, der andere Teil be-
12