er das Haupt. „So stirb denn, hartnäckiger Ketzer!" rief Hauptmann Vo-kinger von Unterwaiden und gab ihm den Todesstreich. Bald verbreitete sichdas Gerücht, daß seine Leiche gefunden sei, unter den Katholischen. Vieleströmten hinzu, dieselbe zu sehen, unter diesen Bartholomäus Stocker vonZug, der den Reformator während seines Lebens gekannt und geachtet hatte.Oft erzählte derselbe nachher, er sei in seinem Angesicht an Farbe und Ge-stalt nicht einem Toten, sondern einem Lebenden gleich gewesen, ja er habegerade so ausgesehen, wie wenn er gepredigt, so daß er sich ab ihm verwundert.Auch Hans Schönbrunner, ehemals Konventherr zu Kappel, konnte derTränen sich nicht enthalten. „Welches dein Glaube gewesen" — sprach er —„ich weiß, daß du ein redlicher Eidgenosse warst. Gott sei deiner Seele gnädig!"(J. J. Hottinger, Huldreich Zwingli und seine Zeit, 1842.)
ERSCHÜTTERNDE WIRKUNG VON LUTHERS LEHRE
Nicht so ein neuer Anfang war Luthers Werk, daß nun plötzlich alles um ihnher sanft, heiter, ein neuer Friede geworden wäre.
Er hatte in tiefster Demut, in der Zuversicht begonnen, daß das, was er, vondem lauteren Wort Gottes geleitet, innerlich durchlebt, so gewiß es lebendigesChristentum sei, ebenso gewiß dem Leben und Wesen der Kirche entspreche.Aber diese Kirche stieß ihn von sich; nicht bloß ihn, sondern auch das Zeugnis,auf das er sich berief, das Wort Gottes; das sollte schweigen gegen ihre Tra-dition, ihre Satzungen, ihre Hierarchie.
Er mußte „hindurchbrechen". Mit Macht und Eifer und gewaltiger Handmußte er das riesige Gebäude von Jahrhunderten, diese Kirche, deren Eck-stein Rom war, erschüttern und stürzen.
Und was war nicht kirchlich! Die Gewohnheiten, die Meinungen, die Ord-nungen in Staat und Familie, das ganze Leben der Menschen, unermeßlicheGüter, alles stand in diesem hierarchischen System, das nun in seinen Grund-lagen bebte. Es gab nichts, das nicht mit erschüttert, bis in sein innerstesWesen, in dem Gedanken seines Daseins getroffen wurde.So begann ein unabsehbares Werk. Und die erste Wirkung war, daß die ge-wohnte Bewegung der Dinge stockte und ihr reich entfaltetes Leben welkwurde; die zweite, daß die toten Blätter, Äste und Stämme im nächsten Wetterniederbrachen.
Es hat nie eine Revolution gegeben, die tiefer aufgewühlt, furchtbarer zer-stört, unerbittlicher gerichtet hätte. Wie mit einem Schlage war alles gelöstund wie in Frage gestellt, zuerst in dem Gedanken der Menschen, dann inreißend schneller Folge in den Zuständen, in aller Zucht und Ordnung. Un-ermeßliche Besitze hörten auf, in ihrem Rechtstitel und seiner Voraussetzunggewiß zu sein; die geistlichen Gerichte mit ihren weiten Kompetenzen hörtenauf, das Regiment der Ordinariate erlahmte; mit der nicht mehr geglaubtenZauberwirkung geistlichen Segens schien der Zusammenhang aller sittlichenGemeinsamkeit zerrissen. Alles Geistliche und Weltliche zugleich war ausden Fugen, chaotisch.Und in dieser unermeßlichen Gärung gab es keinen festen Punkt als das lau-
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