Druckschrift 
3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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LUTHER

Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibelselber oder durch vernünftige Gründe widerlegen müsse, war der menschlichenVernunft das Recht eingeräumt, die Bibel zu erklären, und sie, die Vernunft,war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurchentstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit oder, wie man sie eben-falls nennt, die Denkfreiheit. Das Denken ward ein Recht, und die Befugnisseder Vernunft wurden legitim. Freilich schon seit einigen Jahrhunderten hatteman ziemlich frei denken und reden können, und die Scholastiker haben überDinge disputiert, wovon wir kaum begreifen, wie man sie im Mittelalter auchnur aussprechen durfte. Aber dieses geschah vermittelst der Distinktion,welche man zwischen theologischer und philosophischer Wahrheit machte,einer Distinktion, wodurch man sich gegen Ketzerei ausdrücklich verwahrte;und das geschah auch nur innerhalb der Hörsäle der Universitäten und ineinem gotisch abstrusen Latein, wovon doch das Volk nichts verstehen konnte,so daß wenig Schaden für die Kirche dabei zu befürchten war. Dennoch hattedie Kirche solches Verfahren nie eigentlich erlaubt, und dann und wann hatsie auch wirklich einen armen Scholastiker verbrannt. Jetzt aber, seit Luther,machte man gar keine Distinktion mehr zwischen theologischer und philo-sophischer Wahrheit, und man disputierte auf öffentlichem Markt und in derdeutschen Landessprache und ohne Scheu und Furcht. Die Fürsten, welchedie Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimisiert, und

eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie.-------

Dieser Martin Luther gab uns nicht bloß die Freiheit der Bewegung, sondernauch das Mittel der Bewegung, dem Geist gab er nämlich einen Leib. Er gabdem Gedanken auch das Wort. Er schuf die deutsche Sprache.Dieses geschah, indem er die Bibel übersetzte.

In der Tat, der göttliche Verfasser dieses Buches scheint es ebensogut wie wirandere gewußt zu haben, daß es gar nicht gleichgültig ist, durch wen manübersetzt wird, und erwählte selber seinen Übersetzer, und verlieh ihm diewundersame Kraft, aus einer toten Sprache, die gleichsam schon begrabenwar, in eine andere Sprache zu übersetzen, die noch gar nicht lebte.Man besaß zwar die Vulgata, die man verstand, sowie auch die Septuaginta,die man schon verstehen konnte. Aber die Kenntnis des Hebräischen war inder christlichen Welt ganz erloschen. Nur die Juden, die sich hie und da ineinem Winkel dieser Welt verborgen hielten, bewahrten noch die Traditionendieser Sprache. Wie ein Gespenst, das einen Schatz bewacht, der ihm einstim Leben anvertraut worden, so saß dieses Volks-Gespenst in seinen dunklenGhettos und bewahrte dort die hebräische Bibel; und in diese verrufenenSchlupfwinkel sah man die deutschen Gelehrten heimlich hinabsteigen, umden Schatz zu heben, um die Kenntnis der hebräischen Sprache zu erwerben.Als die katholische Geistlichkeit merkte, daß ihr von dieser Seite Gefahr drohte,da hätte man gern auch die jüdische Tradition unterdrückt, und man gingdamit um, alle hebräischen Bücher zu vernichten, und am Rhein begann dieBücherverfolgung, wogegen unser vortrefflicher Doktor Reuchlin so glorreich