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3 (1926) Die Neuzeit im deutschen Bereich
Entstehung
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LUTHER

Luther wollte den Katholizismus reformieren: er wollte das Evangelium er-neuern. Wie wir heute das älteste Christentum kennen, geht sein und seinerGenossen moralischer Begriff des Menschen einen entscheidenden Schrittweiter auf der Bahn der religiös-sittlichen Entwicklung auch über dasälteste Christentum hinaus. Aus dem traditionell bedingten und belastetenBestand seiner Ideen dies Neue auszusondern und auszusprechen, ist dieAufgabe.

Luther hat in sich alle Motive der Opposition gesammelt. Eine außerordent-liche Gabe trat bei ihm hervor, die Bedürfnisse der Zeit nachzufühlen undihre lebendigen Gedanken zu vereinigen. Zugleich besaß er doch in seinemreligiösen Genie eine einsame und einseitige Kraft, welche die Zeitgenossenwie mit einer höheren ihnen fremden Gewalt ein Stück Weges oder ganznach sich zog. Er war zum Handeln und zum Herrschen geboren. In seinerPerson lag etwas Selbstherrliches, Souveränes. Seine Invektiven gegen denHerzog Georg als den Apostel des Teufels, gegen den König von England alsden Hanswurst, dessen Schrift gegen den Protestantismus er mit dem Schimp-fen einer zornigen öffentlichen Dirne verglich, der wilde Humor in der Schriftüber die Bulle vom Abendfressen des Allerheiligsten Herrn, des Papstes, sindder Ausdruck des Machtgefühls eines furchtlosen Menschen. Er tröstet ein-mal Melanchthon in dessen Anfechtungen damit: was denn der Teufel mehrtun könne, als ihn erwürgen? Schon 1516 finden wir den Augustinermönchumdrängt von Geschäften: zwei Schreiber könnte er allein für seine Briefegebrauchen. Seine dämonischen Augen, die dem Legaten Cajetan schon andem Jüngling so unheimlich waren, durchdrangen alle Wirklichkeiten dieserdeutschen Welt. Und seine tapfere Energie, sein Verständnis der Wirklich-keit, seine Herrschaft über sie beruhte auf dem beständig ihm bewußten Zu-sammenhang mit-der unsichtbaren Welt. Ihm war eine einfache Seele ge-geben, bei allem übersprudelnden schaffenden Vermögen und allem genialenReichtum des Gemütes. In seinem Glauben waltet das den WillensmenschenEigene, das von Person zu Person geht. Aus dieser einfachen und doch soreichen Natur heraus vollbrachte er die Reduktion des kirchlichen Wustes,erfaßte die Ganzheit des Menschen im Glauben, riß die Nation von Romlos und blieb dem größten Teil derselben selbst dann noch verständlich undnahe, als die harte Einseitigkeit seiner Auffassung des religiös-sittlichenProzesses immer mehr sichtbar wurde. Er beherrschte die Menschen seinerZeit, weil sie ihr potenziertes Selbst in ihm zu erkennen glaubten. Als derBefreier der persönlichen Religiosität von dem römischen Priesterregimentin einem Kampf auf Leben und Tod hat er die besten seiner Zeit ansich gezogen. Luther, die Bulle verbrennend, dann in Worms, auf derWartburg: das ist der Luther, den die Nation lieben wird, wenn die per-sönliche Ausprägung der Religiosität, die ihm hierzu den heroischen Willengab, längst anderen Formen des Glaubens Platz gemacht haben wird. (Wil-helm Dilthey, Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahr-hundert, 1891/93.)