über alle Ende und Stätte, überhaupt über alles und selbst alles und alle.Wäre Gott etwas, dies oder das, so wäre er nicht all und über alle, als er ist,und so wäre er nicht die wahre Vollkommenheit. Was ist und nicht Eins ist,das ist nicht Gott, und was ist und nicht alles ist und über alles, das ist auchnicht Gott; so müssen wir also in Wahrheit sagen: alles ist Eins und Eins istalles in Gott. Ebenso müssen wir auch in Gott als dem Vollkommenen dashöchste, ewige Gut erkennen. Was ist, sagt die deutsche Theologie, dasGottes ist und ihm zugehört? Es ist alles, das man von Recht und mit Wahr-heit gut heißt und nennen mag. Sieh, wenn man sich also in den Kreaturenzum Besten hält, das man erkennen mag und dabei bleibt und nicht hintersich gehet, so kommt man zu einem Besseren und aber zu einem noch Besseren,also lang, daß der Mensch erkennt und schmeckt, daß das Ewige, Eine, Voll-kommene ohne Maß und ohne Zahl über alles geschaffene Gut ist.Aus diesem Grund begriffen folgt alles übrige.
Das ganze Büchlein enthält nichts unmittelbar Reformatorisches, und dochübte es einen so ungeheuren Einfluß auf den Augustiner zu Wittenberg, daßer in der um 1516 geschriebenen Vorrede dazu sagt: „Dies edle Büchlein,so arm und ungeschickt es ist in Worten und menschlicher Weisheit, also undvielmehr reicher und köstlicher ist es in Kunst und göttlicher Weisheit. Und daßich nach meinem alten Narren rühme, ist mir nächst der Bibel und St. Augustinnicht vorgekommen ein Buch, daraus ich mehr erlernet habe und will,was Gott, Christus, Mensch und alle Dinge seien, und befinde nun allererst,daß es wahr sei, was etliche Hochgelehrte von uns wittenbergischen Theo-logen schimpflich reden, als wollten wir neue Dinge vornehmen, gleich alswären nicht vorhin und anderswo auch Leute gewesen." Fragen wir aber,was diesen Eindruck auf Luther hervorbrachte, so antwortet er uns teils selbst,teils ergibt sich die Antwort aus der Natur der Sache. Es war zunächst schondas Äußerliche, die deutsche Sprache, die Luthern anzog; zwar warnt er jeden,daß er sich nicht ärgere an „dem schlechten Deutsch oder ungefranzten,ungekränzten Worten", aber zugleich spricht er mit dem Siegesbewußtseininnerer Freude: „Ich danke Gott, daß ich in deutscher Zunge meinen Gottalso höre und finde, als ich und sie [die Hochgelehrten] mit mir bisher nichtfunden haben, weder in lateinischer, griechischer noch ebräischer Zungen",und hofft sicherlich, man werde nun finden, „daß die deutschen Theologendie besten Theologen seien". In der deutschen Rede lag auch — und bei weni-gen Schriften tritt dies liebenswürdiger zutage, als bei der deutschen Theo-logie — das einfache und kindliche, aber tiefe und volle deutsche Gemüt:auch dies mußte Luthers dafür so empfänglichen Sinn unmittelbar und fastunbewußt ergreifen. Am meisten aber tat es ohne Zweifel der Inhalt und dieganze Richtung des Büchleins.
In der Tat sind auch, wiewohl ohne das Bewußtsein und den Ausdruck derOpposition, in der deutschen Theologie die wesentlichsten Bestandteile derreformatorischen Denkweise enthalten. (Karl Ullmann, Reformatoren vorder Reformation, 1841.)