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Handbuch der Philosophie :
(der Logik, Metaphysik, Moral- und Rechtsphilosophie)
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339
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1. Von der Tugend.

L. 72.

Tugend (sittliche Tugend, unterschieden von der physischen Tu-gend, Tauglichkeit, Voükommenbeit) ist der herrschende (freie)Wille, sittlich gut zu bandeln, oder die herrschende Ach-tung, Liebe der Wurde der Vernunft. Ist diese Achtungund Liebe ganz vollkommen (wie sie das in Gott ist), fo beißt sieHeiligkeit. Bei uns unvollkommenen Menschen ist sie das herr-schende Streben, alle Pflichten, wenigstens die schwer verbin-denden, zu erfüllen. Da ferner unsere (verschlimmerte, zum Bö-sen geneigte) Sinnlichkeit nicht selten der Pflichterfüllung wider-streitet (obgleich die Sinnlichkeit auch eine mit dem Siltcngesetzebarmonirende Richtung batte haben können); so kann man unsereTugend auch nennen das herrschende Streben, pflichtmäßig zuhandeln, selbst mit Abbruch unserer Neigungen. Nach und nachwird uns dieses herrschende Streben zur Fertigkeit, Leichtigkeit;wir gewinnen so einen höheren Grad der Tugend, welcher offenbarein höchst wichtiges Ziel unsers Strebens seyn muß.Denn 1. dadurch werden wir der Heiligkeit Gottes ähnlicher.Weit gefehlt, daß das Wesen der Tugend in furchtbar großenAnstrengungen besteht, daß vielmehr auch die allerschwierigsteilHandlungen, die aber nicht aus der Achtung und Liebe der Würdeder Vernunft hervorgehen, gar nicht zu den sittlichguten, zu denTugendhandlungen gehören. Die Hauptsache ist also dieherrschende Achtung und Liebe der Würde der Ver-nunft. Diese Achtung und Liebe kann herrschend, kräftig ge-nug seyn, wenn sie auch nicht diese oder jene Bergevon Beschwerden vorfindct, also auch nicht wegzntra-gen braucht. Dazu kommt 2., daß aus der fortgesetzten Pflicht-erfüllung, aus der öfter» Uebnng nothwendig die Fer-tigkeit hervorgeht, daß also, wie die öftere freie Uebung,so auch das nicht davon zu Trennende, die Fertigkeit, uns anzu-rcchnen und verdienstlich ist. Oder soll man etwa eine Zeitlangböse handeln, um sich das Sittlichgute nachher recht schwer zumachen?

* Hiernach ist die Lehre des Kant zu würdigen; Tugend ist die morali-sche Stärke des Menschen in Befolgung seiner Pflicht mit Abbruchseiner Sinnlichkeit."Die Fertigkeit widerspricht dem Wesen derTugend."

** Eben so leicht ist nun zu beweisen, daß der Charakter der Tugendj. selbstständig (unabhängig von Vorurtheilen, von Trieben derSinnlichkeit), 2. sich immer gleichbleibend, Z. durchgehendSruhig und heiter ist.

*** Aus dem vom Sittlichguten schon früher Gesagten erhellet auch, inwie fern die Trennung der Religiosität und Tugend zulässig sey (i. inder Wissenschaft, 2. im praktischen Leben).

§. 73.

Zahl und Grade.

Schon ans der Erklärung der Tugend folgt, daß es der

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