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Man bedenke: Vieles ist wahr, nnd ist uns doch dem Wie nachunbegreiflich. So ist uns ja die Art, wie durch die Bewegung derZunge und Lefzen eine Sprache herauskomme, die andere Menschenin unfern Geist sehe» laßt, ganz unbegreiflich, und doch läugnenwir die Sache selbst nicht. Daher die Weisung an den Philosophen:„Strebe nicht, zu erforschen das Uncrforschliche; wachse in dem,was du wissen kannst und sollst, und wandte stets an der Hand derbescheidenen Vorsicht".
2) Jede einzelne menschliche Vernunft hat noch besondereSchranken. Es ist Mißbrauch, diese Schranken überfliegen, undüber Sachen, z. B. über Religion absprechen zu wollen, in welcheman noch nicht die gehörig tiefe Einsicht hat. Wie viele Sophismengegen die Religion wären nickt an's Tageslicht gekommen, wennman erst die oberflächliche Rcligionskenntniß in eine durchdringende,gründlich gelehrte verwandelt hätte!
3) Es ist Mißbrauch der Vernunft, wenn man, ohne sich ge-hörig vorzuberciten und die erworbenen Kenntnisse zu verarbeiten,sich schnell mit zu vielen Wissenschaften überladct, so daßman von der großen Masse von Kenntnissen erdrückt, von den sichwiderstrebenden Ansichten verschiedener Menschen geblendet sich nichtmehr z» helfen weiß, und den leitenden Faden nicht mehr sieht,woran man wieder in die Lichtgegenden zu wandeln, und den stützen-den Stab nicht mehr erblickt, woran man sich wieder zu dem Ueber-sinnlichen zu erheben vermag. Bei dem Heißhunger nach Vielwissereivergessen Manche die Ausbildung des Gefühls und des Willens, wen-den sich stets von allem Conkreten und Geschichtlichen weg, erhebensich immer zu den höchsten Höhen der Spekulation, übersehen dieihnen nahe liegenden wichtigen Wahrheiten, werden versucht, nurdas mathematisch Bewiesene ihrer Aufmerksamkeit zu würdigen, undsiehe — cs schwindelt sie auf der luftigen Höhe, sie fallen, und brechenHals und Bein.
4) Es ist Mißbrauch der philosophirenden Vernunft, wenn manbei allen noch so verschiedenen Wahrheiten, die doch verschiedenartigeGründe haben, die nämliche Art von Gründen fordert.Daher fehlen jene Philosophen, die alle Thatsachen verwerfen, weilThatsachen sich nicht durch geometrische Beweise (aber doch durchandere,- durch historische, ebenfalls wahre Ueberzengung hervorbrin-gende Beweise) begründen lassen. Durch diesen Mißgriff sind schonviele Philosophen verleitet, die ganze Offenbarung, die als That-sache auf historischen Gründen beruhet, zu verwerfen, alle göttlichesowohl! als menschliche Auctorität zu verschmähen, nnd so den Um-fang der menschlichen Kenntnisse auf die dürresten, unbefriedigend-sten , Geist und Gcmüth und Herz leer und trostlos lassenden Dingeeinzuschränken.
5) Ist die pbilosophirende Vernunft im Dienste der Lei-denschaften, insbesondere im Dienste des Stolzes, der Wollust,der Habsucht . . .; so wird sic gerade die Wege Anschlägen, welche