7
die Naturgesetze sich stützt. So bin ich physisch gewiß, daß das Feuerbrennt, so lange Gott kein Wunder wirkt (das Naturgesetz nicht aufeine Zeit aufhebt). Der historische Glaube heißt historischeGewißheit, auch wohl moralische, psychologische, weil sichdiese Gewißheit auf die Naturgesetze des menschlichen Geistes stützt.
Also ist die Gewißheit entweder eine evidente, oder eine phy-sische, oder eine historische (psycholochischc, moralische), oderaus mehreren Arten zusammengesetzte Gewißheit.
L. Unzureichende Gründe der Wahrheit.
§. 19.
Wahrscheinlichkeit, Unwahrscheinlichkeit, Meinen,Wahnen, Zweifel», Nichtwissen.
Erkennt man nur unzureichende Gründe eines Satzes; so istder Satz nus wahrscheinlich, und es entsteht in uns, wenn wirdas Unzureichende erkennen, bloßes Meinen. Nichtwissen istder Mangel einer gewissen Kcnutniß. Je unbedeutender die unzu-reichenden Gründe eines Satzes an Kraft und Zahl sind; desto weni-ger wahrscheinlich ist der Satz. Sind die Wahrscheinlichkeitsgrnndegleichartig und von gleichem Wcrthe, also bloß zu zählen; so wirddie Wahrscheinlichkeit mathematisch genannt; sind sie aber un-gleichartig und von ungleichem Werthe, mithin gegeneinander abzn-wägen, so ist sic dynamisch. Sind die Gründe für und widereinen Satz an Zahl und Werth einander gleich, oder scheinen sices zn seyn; so entsteht der Zustand des Zweifelns, des Ausschie-bens alles Urtheils über diesen Gegenstand, aus Furcht, in einenJrrtbum zn fallen. Ein Zweifel ist ein Gegengrund, auch Ein-wurs genannt, wenn er zur Bestreitung eines Satzes vorgcbrachtwird. Der Zweifel, das Zweifeln ist also davon verschieden. Derlogische Zweifel ist das bloße Aufschüben des Urtheils, der tran-scen dentale aber das völlige Aufgeber, aller Urtheilc. UrtbciltJemand bloß aus Willkühr, Neigung, ohne irgend einen Grundfür die Wahrheit zn haben; so ist dieses Wahn, Ucberredungzu nennen.
Z. 20.
Das menschliche Erkcnntnißvermögen, (die Sinnlich-keit, der Verstand, die Vernunft).
Unser Erkcnntnißvermögen ist theils cm sinnliches, theils einübersinnliches. Das sinnliche Erkcnntnißvermögen besteht indem Vermögen, einzelne, auf unsere Sinne einwirkcnde (das ist:empirische) Gegenstände (z. B. dieses Buch zu erkennen); 2. indem Vermögen, das Gemeinsame der sinnlichen, empirischenGegenstände zu erkennen; also empirische Begriffe, Urtheile undSchlüsse zu bilden (hierhin gehören die Erfahrungsbcgriffe, Erfah-rungsnrtheilc, Erfahrungsschlüssc). Nennt man nun das erste Ver-mögen die Sinnlichkeit (den Sinn) im strengsten Sinne, und