VORWORT
Redarf es der Rechtfertigung, dass ich in den nachstehenden Blät-tern zum Gegenstand meiner Forschungen die Sprachen eines Volks-stamms gewählt habe, welcher auf entlegene Inseln des fernen Weltmeerszerstreut, selbst auf der niedrigsten Stufe der Cultur steht und kaumnoch angefangen hat, die Berührungen der Cultur mit ihren Segnungenaber auch mit ihrem Fluche zu empfinden, jenem Fluche, der alle Völkerder neuen Welt und der Südsee, sobald sie mit dem Europäer in Berüh-rung kommen, dem gewissen Untergange zu weihen scheint? — Wennder Naturforscher in fernen Erdtheilen Gräser und Moose, oder Würmerund Käfer sorgfältig sammelt, beobachtet, beschreibt und in das Systemeinzuordnen sucht, wenn der Geschichtforscher aus fernen Ländern oderlängstvergangenen Zeiten Ereignisse zu erforschen, Thatsachen aufzu-klären, Urkunden zu erläutern bestrebt ist, so zieht es Niemand in Zwei-fel, dass sie sich Verdienste um ihre Wissenschaft erwerben, mag auchder praktische Nutzen ihrer Bemühungen Vielen nicht einleuchten, jaüberhaupt schwer zu erweisen sein. Ebenso, scheint es mir, liegt esdem Sprachforscher ob dahin zu streben, dass das System seiner Wissen-schaft nach allen Seiten hin ergänzt und ausgebaut, alles Dunkel, dasdarin noch herrscht, erforscht und aufgeklärt wird. Nach einer unge-fähren Schätzung mögen tausend verschiedene Sprachen auf dem Erd-boden erklingen; davon ist bisher etwa das Viertel erst grammatischbearbeitet; von den Uebrigen kennt man zur Zeit nichts als den Namenoder höchstens ein dürftiges, mehr oder minder unzuverlässiges Wörler-verzeichniss. Es giebtalso noch viel, sehr viel zu thun, wenn die Sprach-wissenschaft ihre Aufgabe lösen soll, welche doch nur dahin gehn kann,alle Sprachen der Erde zu umfassen, zu durchdringen, und so ein Systemder allgemeinen Sprachkunde aufzustellen, auf welchem als Schlusssteindas Gebäude einer wahrhaft allgemeinen Grammatik aufgeführt werdenkann.
Nehmen wir dies als letztes Ziel der Sprachwissenschaft, so dürfenwir uns nicht verhehlen, dass sie von demselben noch sehr weit entferntist, ja dass überhaupt die Sprachwissenschaft noch viel zu wenig alsZweck, viel zu häufig nur als Mittel zu anderen Zwecken angesehn wird,sei es um in das Verständnis einer fremden Literatur einzudringen unddaraus für andere Wissenschaften Gewinn zu ziehn, sei es des prakti-schen Verkehrs, sei es der Ausbreitung der christlichen Religion willen.So löblich, ja edel ein solcher Zweck sein mag, die Sprachwissenschaft