Druckschrift 
Genie und Irrsinn in ihren Beziehungen zum Gesetz, zur Kritik und zur Geschichte
Entstehung
Seite
32
Einzelbild herunterladen
 

-HA Genie und Irrsinn.

Talentes spiegelt Gegenstände und Thatsachen wieder, dieschon eine mehr oder weniger allgemeine Bestätigung er-halten haben, während die dem Genie verliehene Ein-bildungskraft hauptsächlich noch nicht Dagewesenes in ihrenDarstellungskreis aufnimmt. Das Talent entdeckt oder re-produziert, das Genie erfindet und erschafft. Das Talentgleicht einem Schützen, welcher nach einem — wie unsscheint — schwer zu treffenden Punkte zielt; das Genieaber hat Zielpunkte, die für unser Auge gar nicht wahr-nehmbar sind. Wohlverstanden liegt hierbei das Neue nicht, in den Elementen, sondern in der Richtung des neuen/^Schusses, der gethan wird.

Die Neuheit und das Großartige sind die beidencharakteristischen Eigenschaften, welche Bettinelli dein Geniezuschreibt — „und deswegen auch, so schließt er, nenntman die Dichter trovatori."*)s" Das Beispiel Goethes, der Italien auf das genauestebeschrieb, ehe er es gesehen hatte, beweist, daß der Geniusfast imstande ist, die Dinge zu erraten, ehe er sie noch rechtbetrachtet hat. Und gerade dieser weit über die Grenzendes gewöhnlichen Gesichtskreises hinausgehende Blick, die Ge-wandtheit in hohen und schweren Geistesbeschäftigungeuund die damit verbundene Unfähigkeit, sich mit geringemSachen erfolgreich zu befassen, die dem Narren eigene, demTalente aber widerwärtige Neigung zur Unordnung, bildendie Ursache, daß der geniale Mensch oft unverdienterweiseverschmäht, verkannt wird von der Mehrzahl der Menschen,die nur den Abstand seiner Anschauungen von den land-läufigen und eingebürgerten wahrnimmt, dagegen die logischeBrücke, welche diese mit jenen verbindet, vollkommenI übersieht.

*1 DaS italienische trovaioro und das französische tronbackonrtund ebenso der spanische und portugiesische Ausdruck) kommen vontrovaro. finden, her. Wer daher zum Dichter rrovators sagt-,nannte ihn „Finder", „Erfinder".