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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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„Verehrtester Herr Appellationsgerichts-Rath!

„Schon längst hätte ich für die gütigen Mittheilungen vom 3. d. M.meinen herzlichsten Dank abgestattet, wenn ich nicht zugleich auch etwasBestimmteres über unfern Calderon hätte melden wollen. Erst gesternaber erhielt ich die Antwort des Herrn v. Cotta. Er ist bereit, auchden zweiten Theil der geistlichen Schauspiele in Verlag zu nehmen, wennder Borromäus-Verein sich gegen ihn schriftlich verbindlich macht, vom1. und 2. Bande gegen gleich baare Bezahlung 400 Exemplare mit einemRabatt von 50 Procent vom Ladenpreis übernehmen zu wollen. Hier-nach will er seinen Geschäftsführer, H. Denicke, welcher am 22. d. M.zur Abrechnung nach Frankfurt reist, veranlasfen, von dort einen Ab-stecher nach Bonn zu machen, nm zu versuchen, ob er sich mit Herrn

Professor Dieringer definitiv verständigen und einen Vertrag abschließenkann.

„Hiervon habe ich heute Herrn Professor Dieringer in Kenntniß gesetzt.

„Wenn, wie ich hoffe, auf diese Weise oder durch Herrn BuchhändlerMarcus' Dazwischenkunft die Herausgabe gelingt, so hat das katholischeDeutschland diese wahrhaft wundervollen Schauspiele, die bis-her völlig tsrra inoo§nitg. waren, eigentlich nur Ihrem Rath und Ihrerthätigen Theilnahme an der Sache zu verdanken. Wie gern hätte ich

meinen Dank für das alles mündlich abgestatet! Allein die früher in

Aussicht gestellte Wiederzusammenberufung der Kammern scheint leidernicht stattzufinden. Jedenfalls bitte ich nun herzlich, mir auch in derFerne Ihr freundliches Andenken erhalten zu wollen."

Der Borromäus-Verein scheint auf die Bedingung eingegangen zusein; wenigstens ist im Jahre 1853 der zweite Band mit den Schau-spielen „Der göttliche Orpheus", „Der Maler seiner Schande", „Dieeherne Schlange", '„Amor und Psyche", „Der Waldesdemuth Krone" und„Der Sünde Zauberei" erschienen. Das Alter und „der Mangel theo-logischer Kenntnisse" Z hinderte den Dichter an der Fortsetzung seinesUnternehmens. Bei der Kritik hatte Eichendorff's Uebersetzung einen großenErfolg. Man rühmte die Pracht und Schönheit des Versbaues, welcherbei aller treuen Anschmiegung an das Original doch der deutschen Sprachein keiner Weise Gewalt anthat. Später hat bekanntlich Eichendorff'sLandsmann, Franz Lorinser, Calderon's geistliche Schauspiele in einerbändereichen Uebersetzung dem deutschen Volke vermittelt.

Neben Calderon beschäftigte sich Eichendorff lebhaft mit der Ge-schichte der neuern romantischen Poesie in Deutschland, deren Entwickelung

ff Siehe dm Brief von Eichendorff in: Lorinser, Calderon's geistliche Festspiele.XVIIl. vn.