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Joseph von Eichendorff : sein Leben und seine Dichtungen ; zur hundertjährigen Geburtstagsfeier am 10. März 1888
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befestigt, nicht mehr verwickelt in die Gegenwart, aber manchfaltig bewegtin Nachgefühlen, verlorenen Bildern, Sagen, Gedichten, an den Grenzender Wirklichkeit dämmernd sich festhalten. Gerade solche überlebte Ideen,die man gewöhnlich Ideale nennt, reizen in ihrer Unbestimmtheit leichtdie niedern Lebenstriebe, Eitelkeit und Sinnenlust, und gewinnen, vonder Wirklichkeit dieser Triebe getragen, ein scheinbares Leben. . . . DieNovelle läßt erkennen, wie leicht ein unschuldiges Gemüth die Fülle seinesBusens unbewußt von Blendbildern sich entwenden läßt, die es um seinwirkliches Leben betrügen wollen. Sie lehrt aber auch die Formel, dieden Zauber löst, die einzig-wahre, unwiderstehliche" Z.

Eine andere Lösung versuchte Herr vr. Ernst Lieber, der bekanntekatholische Parlamentarier, welcher im December 1885 in Köln einenVortrag über Eichendorff hielt. Er sieht in der Novelle eine Allegoriedes aus dem Wahn des extremen Klafficismus zur christlichen Romantikzurückkehrenden Dichtergemüths. Eine sinnvolle und zugleich überzeugendeLösung! Florio ist Dichter, ein warmer Verehrer des Schönen. Die edeleSchönheit der Antike, welche er im Marmorbild, in dem Säulenschloßund der Venus so machtvoll verkörpert findet, zieht ihn unwiderstehlichan; schon will er sein Talent in ihre Dienste stellen. Da taucht durchFortunato's frommes Lied der Gedanke an das Christenthum wieder inihm auf; gleichzeitig erkennt er die großen Gefahren, die sittliche Ver-dorbenheit, welche sich unter der schimmernden Oberfläche verbergener flieht und kehrt zur christlichen Poesie zurück. Auch vom historischenGesichtspunkte aus gewinnt Lieber's Erklärung sehr an Wahrscheinlichkeit.Es lag für Eichendorff, der den Beruf des Dichters so erhaben auffaßte,nahe, sich mit dem Verhältniß der Poesie zum Heidenthum abzufinden,und seiner ganzen Anlage nach konnte es nur die Romantik sein, welcheer der klassischen Poesie entgegenstellte ^).

Im Jahre 1818 am 27. April starb Eichendorff's Vater, der inseinem 60. Lebensjahre in Folge einer Lungenlähmung in die Ewigkeitging. Mit seinem Tode brach auch über die Familie die Katastropheherein, von welcher sie schon seit langen Jahren bedroht wurde. Sämmt-liche in Schlesien belegene Güter mußten veräußert werden, um die sehrhohen Forderungen der Gläubiger abzutragen, und nur Lubowitz bliebder Mutter des Dichters als Wittwensitz bis zu deren Tode, welcher vierJahre später, am 15. April 1822, erfolgte. Die in Oesterreich liegendenallerdings unbedeutenden Güter wurden dagegen der Familie erhalten.

Im folgenden Jahre, in welchem Eichendorff am 19. April einzweiter Sohn, Rudolf, geboren wurde, bestand er in Berlin die große

') Gesammelte Aufsätze 1884, S. 304, 305. ?) Vergl. Gesch. der Poet. Litt.,I 14, 15.