fluß der Molekularphysik zugunsten einer Zerteilung und Atomi-sierung weichen mußte, auch in Staat und Gesellschaft, ja sogarin der Religion.
So wendet sich dieser Lebensphilosoph als einer der erstenin mehrfacher Hinsicht gegen jeden Rationalismus, d. h. gegendie Meinung, es stecke im Verstandesmäßigen und Erklärbarendas Wesen der Dinge. Das gibt eine tote Weltanschauung, diealles zerstückelt und kein Ganzes kennt, das leben kann. Esgilt, im Gegensatz zu ihr die verstehende Intuition, die Anschau-ung der Lebenstotalität und des Lebenszusammenhangs alsechtes Organ einer umfassenden Geschichts- und Weltauffassungzur Geltung zu bringen.
Kurz, auch hier haben wir Lebendigkeit, Unmittelbarkeit,Ursprünglichkeit und anschauliche Irrationalität im Unterschiedvom toten und abgeleiteten begrifflichen Wissen, und das stelltbei Dilthey die sachliche Verbindung her mit Nietzsche undBergson, mit James und Simmel, von denen er in anderer Hin-sicht sich weit entfernt.
Vielleicht stößt es zunächst auf Widerspruch, wenn fernerin diesem Zusammenhang auch die streng wissenschaftlich ge-richtete Schule der Phänomenologen genannt wird, anderen Spitze H u s s e r 1 steht. Eine Philosophie des Lebenshat Husserl selber in der Tat nicht. Trotzdem zeigt sein Denkenmit ihr Verwandtschaft, ja verdankt vielleicht gerade diesemUmstand einen großen Teil seiner Erfolge. Für weitere Kreisezugänglich sind Husserls Ideen sonst gerade nicht. Jedenfallshat sich im Anschluß an sie auch eine Lebensphilosophie ent-wickelt, und schon deswegen sind sie hier zu nennen.
Dabei kommt es selbstverständlich nicht auf die Heraus-arbeitung des Logischen gegenüber dem Psychologischen an,denn diese kann nur zu einer Ablehnung jeder Philosophie desbloßen Lebens führen, sondern auf die Lehre von der „Wesens-schau“, die Husserl zur Grundwissenschaft aller Philosophiemachen will, und die ihm Anhänger verschafft hat. Auch siesuchen wir mit bewußter Einseitigkeit und insofern ungerechtals zeitgemäß im Zusammenhang mit den modernen Erlebnis-tendenzen zu verstehen, wenn wir daran denken, daß Phäno-menologie die Lehre einer neu entdeckten Art anschaulicher