195
glauben wir moderne Menschen doch nicht mehr. Jedenfalls istWeisheit etwas, das sich nicht lernen und daher auch wohl nichtlehren läßt. Wir beschränken uns auf ein lern- und lehrbaresWissen vom Leben, und grade wenn wir dies Wissen in seinernotwendigen „Unlebendigkeit“ verstanden haben, werden wirin dem heute so verdächtigen sokratischen Menschen keine Ge-fahr für das lebendige Leben sehen. Von den echten Nachfolgerndes Sokrates gilt das Wort, das schon Hölderlin von Sokratessprach:
Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste.
Sollte man meinen, dies sei im Grunde auch die AnsichtNietzsches und der anderen Lebensphilosophen — um so besser.Nur sind sie von den Vielen nicht immer so verstanden worden,und deshalb mußte dies kleine Buch über die philosophischenModeströmungen unserer Zeit geschrieben werden. Daß es nurvon weitverbreiteten Gedanken, nicht von einzelnen Denker-persönlichkeiten handeln wollte, sei noch einmal hervorgehoben.