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Die Philosophie des Lebens : Darstellung und Kritik der philosophischen Modeströmungen unserer Zeit
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keit für sich betrachtet wertindifferent ist, so kann auch ihreSteigerung und Verfeinerung, ohne Hinzunahme eines neuenFaktors, nicht zu Werten und Gütern führen. Aus nichts wirdnichts. Ja, die Worte „Steigerung“ und „Verfeinerung“ ver-lieren ihren Sinn, wenn nicht das Leben als solches schon Werthat. Den Gedanken, Kulturwerte auf Lebenswerte zu stützen,müssen wir in jeder Hinsicht aufgeben. Wohl mag es Vorkommen,daß jemand Kunst und Wissenschaft nur treibt, um zu „leben“.Aber dann wertet er die Lust des Lebens, nicht das Lebenselbst, und außerdem kann man doch nicht behaupten, daß, werso handelt, seine Lebensbestimmung erfüllt. Es bleibt einesinnlose Phrase, daß der Sinn des Lebens das Leben selber sei.

Blicken wir mit dieser Einsicht noch einmal auf die Mannig-faltigkeit der sozialpolitischen Ideale zurück, welche die Lebens-philosophie aufgestellt hat, so wird die Buntheit dieses Bildesjetzt leicht verständlich. Wollte man fragen, welche von deneinander bekämpfenden vier Richtungen die wahre ist, so kanndie Antwort nur lauten: sie sind, soweit sie sich auf biologischeBegriffe stützen, alle falsch. Die verschiedenen, angeblich ausder Biologie abgeleiteten Kulturideale standen längst fest, ehesie mit den biologischen Begriffen auch nur in Berührung ge-bracht waren. Die Buntheit des aufgezeigten Bildes findet darinihre Erklärung, daß die biologischen Prinzipien unter sozial-ethischen Gesichtspunkten völlig indifferent sind. Deswegenkann man sie zur Rechtfertigung und Begründung jedes be-liebigen sozialpolitischen Zieles benutzen. Aus den Begriffen derBiologie läßt sich nichts ableiten, was Maßstab des Wertes oderUnwertes der Dinge ist. Diese Begriffe sind deswegen mit allenWerten verträglich und daher zur Begründung keines ethischenGedankens brauchbar, gerade weil sie biologische Begriffe sind.

Es bedarf keiner längeren Ausführungen, um das im einzel-nen zu zeigen. Wer im Gesetz der Auslese ein Naturgesetz undin diesem zugleich ein Fortschrittsgesetz sieht, muß jeden ge-sellschaftlichen Zustand als das anerkennen, was sein soll. Tuter das nicht, so begeht er gerade den Fehler, den der Biologis-mus bekämpft: er stellt seine individuellen menschlichen Wünschedem Leben entgegen, anstatt sich vom Leben tragen zu lassen.Das Leben allein soll ja die Lehrmeisterin im Ideal sein, und