Druckschrift 
Die Philosophie des Lebens : Darstellung und Kritik der philosophischen Modeströmungen unserer Zeit
Entstehung
Seite
88
Einzelbild herunterladen
 

88

der Arten ward, wie es schon im Titel von Darwins Hauptwerkpräzis angegeben ist, begriffen durch den Gedanken an die Er-haltung der begünstigten Rassen im Kampfe ums Leben.

Betrachten wir nun die philosophische Bedeutung dieserTheorie, so steckt sie besonders im Auleseprinzip, und es ist zubemerken, daß es trotz seiner biologischen Verwendung einenmechanistischen Charakter trägt. Gerade dieser Um-stand verschaffte ihm im älteren Biologismus sein philosophischesAnsehen. In abstrakter Formulierung ist das Prinzip uralt undschon früh mit der antiteleologischen Tendenz benutzt worden,die Annahme wirkender Naturzwecke überflüssig zu machen.Es scheint hiermit das größte Hindernis hinweggeräumt, daseiner einheitlichen Erklärung des Weltganzen im Wege steht.An dem Reich der offenbar zweckmäßigen Organismen, glaubteman, müsse der Mechanismus scheitern. Die Begriffe der na-türlichen Auslese und der durch sie bedingten Anpassung habendiesen Stein des Anstoßes beseitigt.

Allerdings, so sagt man, sind die Organismen zweckmäßig,aber das wird verständlich ohne wirkenden Zweck, und nurdieser bringt in den Naturmechanismus störende teleologischeElemente. Ohne Absicht entsteht eine Fülle der verschieden-sten Gebilde, von denen „zufällig“ einige angepaßt sind. Nurdiese leben und pflanzen sich fort, während die andern notwen-dig zugrunde gehen. Organismen erhalten sich also nicht des-halb, weil unbekannte und naturwissenschaftlich unbegreiflicheKräfte sie zweckmäßig bilden, sondern wir nennen zweck-mäßig, was unter der Menge der verschiedensten, mechanischentstehenden Formen geradeso geworden ist, daß es bestehenbleiben konnte. Wo dann der Kampf ums Dasein die natür-liche Auslese vornimmt, müssen die Organismen „von selbst“auch immer angepaßter und zweckmäßiger werden.

Hieraus verstehen wir, wie blind mechanische Kräfte dieWelt des scheinbar Absichtlichen und Planvollen hervortreiben.Nichts steht hiernach mehr der Durchführung einer mecha-nistischen Weltanschauung entgegen. Wir haben nur in jederWirklichkeit, die eine wirkende Vernunft zu bezeugen scheint,ein Selektionsprodukt zu erblicken. Auch der „Geist“ ist dannbegriffen als natürliche Natur: der Kampf ums Dasein muß