Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
1334
Einzelbild herunterladen
 

Der Geschichtsunterricht.

Kulturgeschichte für wissenschaftlich unhaltbar erklärt, weil alle Geschichte Kultur-geschichte sei.

Häufig begegnet man in pädagogischen Schriften dem Vorschlag, dem Geschichts-unterricht einen Sagencurs als Vorstufe vorausgehen zu lassen. Damit sind ent-weder die Sagen der Alten gemeint (wie bei Herbart und bei Aßmann, das Studiumder Geschichte 1849), oder die deutschen Sagen (wie bei Sevin, die Verwerthung desdeutschen «Lagenstoffs im Geschichtsunterricht der Volksschulen 1875, und bei Bock, derVolksschulunterricht 1879), oder beide (wie bei Schräder, Erziehungs- und Unterrichts-lehre für Gymnasien und Realschulen 1876). Ziller (Vorlesungen über allgemeinePädagogik) hat auch noch die biblischenSagen" der Patriarchenzeit herbeigezogen,und Krieger sagt geradezu:Bibel und Homer sind uns die Quellen des ersten pro-pädeutischen Unterrichts in der Geschichte. Die Gestalten eines Noe, Moses, Hercules,Theseus, Odysseus, der Argonautenzug und trojanische Krieg fesseln den Knaben un-gleich mehr als die läppischen Erzählungen vom bösen Fritz und leichtfertigen Karl."Dagegen möchte Sachse (vgl. Dittes, päd. Jahresb. 1875, L. 328) die Sage zwarnicht dem Kind überhaupt verschließen, aber gerade in die Geschichtsstunde nicht hereinlassen;es gehört nichts in sie hinein, was nicht reales Sein hat." Mit der letzterenAnsicht sind wir, wenigstens für die Volksschule, völlig einverstanden. DichterischeStoffe von tieferer sittlicher Bedeutung, wie Bock sie fordert, z. B. das Riesenspielzeug,Jung Siegfried, der hart geschmiedete Landgraf, Klein Roland, und gehaltvolle Anek-doten von geschichtlich hervorragenden Personen mögen etwa die Lesestunden beleben.Für einen Unterricht aber, welcher die griechische Mythologie zusammen mit Nibelungen,Gudrnn, Waltharilied und Rosengarten umfaßt, haben die niederen Schulen überhauptkeine Zeit. Es lockt uns nicht, wenn Krieger sagt:Bei recht betriebenem historischemVorbereitungsunterricht, den wir in höheren Volksschulen mit der Mittelclasse ab-schließen, jubeln die Lchüler laut auf, wenn die erste Stunde des eigentlichen Geschichts-unterrichts herannaht." Es wird sich fragen, wie lange der Jubel anhält, wenn ausdie Näschereien das trockene gesunde Hausbrot folgt; und kommt es nicht dann um soschlimmer! Die Schulen leiden schon jetzt in einem großen Theile Deutschlands anUeberhäufung mit Bruchthcilchen aus allerlei Stoffen; um so dringender ist die Pflicht,sich, zumal in der Volksschule, auf das Nothwendige zu beschränken. Werden dieLehrgegenstände nicht genau nach ihrem Werthe für die Schulerziehung abgestuft, sodaß sich das für jeden einzelnen derselben zu verwendende Maß von Zeit und Kraftdarmach bestimmt, so wird das Wesentliche durch Unwesentliches, es wird die ernsteGeisteszncht des Lernens durch die lösende Wirkung artiger Spielereien beeinträchtigt.Der von Nahrungssorgen gequälte Mann würde sich mit Recht gekränkt fühlen, wenner seine Kinder, die er zum Sparen oder Erwerben sehr wohl brauchen könnte, beiGeldstrafe in die Schule schicken müßte, damit sie sich dort mit Sagenstoff unterhaltenließen. Ueberdies müßte inan dann, während man der ungeheiligten Sinnlichkeit un-geschlachter Heroen die Pforten öffnete, in demselben Maße der ersten Sittlichkeitsmacht,der Religion, die Thüren versperren, damit sie nach Kriegers Vorschlag wenigstens inder Oberclasse der Geschichte die Ehre, den Unterrichtsmittelpunct zu bilden, überließe,selbst aber, befreit von dogmatischem Ballast, als Kirchengeschichte den Schüler in dasVerständnis der religiösen Bewegung der Jetztzeit einführte. Die Religion hat dasewig Gültige zu lehren. Auch wo sie in der Gestalt der Geschichte erscheint, veran-schaulicht sie dem Schüler die unvergängliche Wahrheit, die ihn beseligen und heiligen,und vor deren göttlicher Hoheit er sich in Ehrfurcht beugen soll. Darum bleibe sieunverworren mit der Gesellschaft griechischer und deutscher Mythologie und behalte diecentrale Stellung, die ihr vermöge ihrer einzigartigen Bildungskraft und vermöge derelastischen Originalität ihrer Urkunden in denjenigen Schulen zukommt, welche sich nurder mühsamen, zeitsordernden Einführung in fremdsprackliche Classiker nicht abzugebenhaben! In den Lateinschulen haben die Sagen der Griechen und Römer aus demGrunde ein Heimatrecht, weil sie als Bestanvtheile der Religion in den griechischenund den römischen Schriftwerken häufig berührt werden, so daß sich die letzteren ohneeinige Bekanntschaft mit denselben nicht verstehen lassen.

Soll nun mit der Geschickte des Alterthums begonnen werden, Zder genügtdie Geschichte des Vaterlands? Ersteres wird von der Herbart'schen Lchule nach