Wahrhaftigkeit.
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«erhält sich zur Aufrichtigkeit, etwa wie Wahrheitsliebe zur Wahrhaftigkeit, sie istNeigung und Liebe zur Aufrichtigkeit, überhaupt Neigung, jede Bestimmung des Innern-u äußern, im Gegensatz zur Verschlossenheit. — Das bewußte Abwcichen vonder Wahrheit, also der directe Gegensatz der Wahrhaftigkeit ist die Lüge. Dieselbewird zur Falschheit, wenn sie falsche Erwartungen zu erregen, zur Heuchelei,NN» sie eine bessere oder doch bei andern für besser geltende Gesinnung, als dasSubjcct wirklich hegt, an den Tag zu legen bezweckt. Beide, Falschheit und Heuchelei,Wden natürlich oft zusammenfallen, beide sich oft in einer Reihe von Lügen äußern,die ebensowohl in Handlungen als in Worten bestehen können. Falschheit findet imMigcn Verkehr, Heuchelei auch auf religiösem Gebiet weiten Spielraum.
Daß Wahrhaftigkeit Pflicht ist, bedarf keines Beweises. Es ist keine Sittlichkeitbeglich, wo Wahrhaftigkeit nicht als Pflicht angesehen wird. Wahrheit ist das Banddiz geselligen Lebens, und der sittliche Verkehr der Menschen unter einander beruht„is ihr. Wer dem Nächsten die Wahrheit vorenthält, verweigert ihm die Hülfe andliu gemeinsamen Werke und bietet ihm einen Stein statt des Brotes (Eph. 4, 25).Liese hohe Bedeutung der Wahrhaftigkeit und die Verwerflichkeit der Lüge ist denneuch zu allen Zeiten anerkannt und in unzähligen Aussprüchen der Besten niedergelegt.
Nach dem Gesagten kann kein Zweifel sein, daß es von der höchsten Wichtigkeitiß, das Kind zur Wahrhaftigkeit zu erziehen. Dieselbe ist aber nicht bloß ein Haupt-ziel der Erziehung, sondern.zugleich auch eine der Grundbedingungen, unter denendie Erziehung überhaupt nur gedeihen kann, und zwar in doppelter Beziehung. Er-stens muß doch vor allem der Erzieher den Zögling genau kennen, wenn er heilsamms ihn einwirkcn soll. Gelingt es diesem, ihn irgendwie über sich zu täuschen, so tappter im Dunkeln und wendet in gutem Glauben Mittel an, die mehr schaden als helfen,seitens aber ist Wahrheitsliebe für den Zögling selbst das beste Schutzmittel gegenmancherlei Sünde. Man denke sich zwei Kinder in äußerlich gleicher Versuchung etwasiiseS zu thuu. Dem einen ist die Lüge geläufig, das andere aber scheut dieselbe unddenkt: „wie aber, wenn du nachher gefragt wirst?" Welches wird sicherer unterliegen?md wenn beide unterliegen sollten, welches mit größerem Schaden für seine Seele?Kelches wird sich am ehesten wieder aufrichten? Diese schützende Kraft hat in nennens-mihem Maße neben, oder vielmehr mit der Wahrhaftigkeit nur noch die Liebe. Inkiesen beiden ist, wie Schlciermacher sagt, das ganze Geheimnis der Erziehung be-schlossen. — Jede positive Bedingung eines Gegenstandes kann auch als Mittel zuseiner Herstellung aufgcfaßt und benutzt werden, also die Wahrhaftigkeit auch als Er-ziehungsmittel. Der Erzieher, dem es gelingt, seinen Zögling wahrheitsliebend zuerhalten, macht sich dadurch die Erziehung überhaupt viel leichter. Die Wahrhaftig-keit dient aber auch noch in einem höheren Sinne dem Zwecke aller Erziehung, inso-sem sie nämlich auch zum Streben nach Wahrheit im eigenen Denken und Sein treibtsiergl. Deinhardt a. a. O. S. 25 ff.). Der Wahrhaftige wird nothwendig auch den)nthum und die Unzulänglichkeit mehr fürchten als der Lügner. Diese veredelnde-Aast der Wahrhaftigkeit können wir in den alltäglichen Verhältnissen und in denikstlsteii Gebieten des menschlichen Seins an negativ und positiv beweisenden Bci-jMn verfolgen. Wer Gelegenheit gehabt hat, gewohnheitsmäßige Lügner zu verhören,wird wargcnommcn haben, in wie erstaunlichem Grade ihre Fähigkeit, den wirklichenTaKverhalt streng aufzufassen und fcstzuhaltcn, geschwunden ist, so daß, selbst wenn sieri»iml die Wahrheit sagen wollen, mit ihrer Aussage nicht viel anzufangen ist. Na-türlich! Warum denn das genau beobachten und sich einprägcn, worüber sie doch zulM gewillt sind, nicht, was wirklich geschehen ist, sondern was ihnen gerade paßlichMd vortheilhaft dünkt? Andererseits das rastlose Streben der berühmtesten GelehrtenAch Vertiefung ihrer Erkenntnis, die Strenge, mit der wahrhaft sittliche Menschen»uch im Kleinsten über sich wachen, die Dcmuth, in welcher sie ihre eigene Unvoll-kommenheit fühlen, haben sic nicht alle wenigstens eine ihrer Wurzeln darin, daß jeneMer gelernt haben, den Schein als nichtig zu verachten und allein auf das Sein«rth zu legen?*)
*) Daß hier übrigens eine Wechselwirkung Statt findet, also der höhere Grad intellec-«« und sittlicher Bildung auch wieder der Wahrhaftigkeit zu gute kommt, versteht sich alsAd»,. Handbuch. II. 76