Schleicrmacher.
647
-l das nicht mehr nachgeholt werden." Wie aber nach einem bekannten Worte' ihm die Frömmigkeit der mütterliche Leib war, in dem sein eigenes junges Lebenerwuchs so war eine ebenso anspruchslose und milde als aufrichtige und innige christ-liche Frömmigkeit der Lebensodem, welcher alle diese verschiedenen Regungen seinesÄmilieiilcbens verband und als die eigentlich bestimmende Kraft diesem seinen cigen-tbümlichen Charakter verlieh. — Bei der inneren Wahrhaftigkeit seines Wesens wärerS ihm auch unmöglich gewesen, als Theologe der Kirche zu dienen, wennnicht seine Theologie in dem Grunde der persönlichen Frömmigkeit ihre tiefe Wurzelqehabt hätte. Nach seiner Auffassung war es die Aufgabe der theologischen Wissen-schaft die Religion als eine reale Lebenskraft zu erkennen, um durch die Klarheit derErkenntnis das Wesen der Religion rein zu erhalten und ihr die reine und kräftigeWirkung auf das Leben zu sichern. So erhielt auch sein Wirken auf diesem Gebietekimn entschieden pädagogischen Charakter. Es erklärt sich daraus, daß er es ganz be-sonders liebte, im Gemüthe der Kinder den religiösen Keim zu wecken und zu pflegen,nnd daß er den katechetischen Unterricht als „das eigentliche Hauptgeschäft" des geist-lichen Amtes ansah. Auf der anderen Seite aber war er auch vor allen befähigt,über die Religion zu reden zu den „Gebildeten unter ihren Verächtern". Auch inseinen Predigten ist der pädagogische Zug nicht zu verkennen, daß er vor den Augender Gemeinde die von rechts und links sich herandrängendcn Jrrthümer sich auflösenläßt und dann die Hörer anleitet, aus eigener Erfahrung und selbstthätiger Ueber-zengung den Weg und Grund der Wahrheit zu finden und sich anzueignen. — Nochunmittelbarer freilich tritt uns die seinem Wesen eingeborene pädagogische Tendenz insäncr wissenschaftlichen Thätigkeit entgegen. Was W. v. Humboldt vonSchiller gesagt hat, daß er das bloße von keinem anderen Zweck als dem des Wissensgeleitete Studiren nicht geachtet habe, das gilt auch von Schleiermacher. „Wissenschaftund Leben vermochte er nicht zu trennen, und was er durch gelehrte Arbeit sich er-worben hatte, das hatte seinen Hauptwerth für ihn nur als ein Mittel, um auf anderezu wirken." In diesem Sinne schreibt er: „Ich will alles mögliche thun, um irgendeine Art von Unterrichtsbeschäftigung zu bekommen; ich fühle es wirklich als ein drin-gendes Geistesbcdürsnis, dergleichen zu haben. Das eigene Lernen und Studiren istohne das etwas so einseitiges und wirklich gcistverzchrendes, daß ich kann ordentlicheGewissensbisse darüber empfinden." Unter dieser „Unterrichtsbeschäftigung" aber verstander wiederum mehr, als eine bloße Mittheilung von Kenntnissen: indem er lehrte, wollteer eben erziehen; darum stand sein Verlangen auch nach unmittelbarer persönlicherEinwirkung, und die Schriftstellerei wollte er nicht als Ersatz dafür gelten lassen.„Es scheint mir die unnachläßlichste Pflicht eines jeden Menschen zu sein, andere zuerziehen, es mögen nun Alte sein oder Kinder, eigene oder fremde. - — Manchmalwill ich mir einreden, wenn man Bücher schriebe, erzöge man auch an der Welt nachbestem Wissen; es ist aber nicht wahr, es ist nur ein wunderliches Treiben ohne Leben,ohne Anschauung, ohne Nutzen." Das Feld für eine erziehende Unterrichtsbeschäftigung,wie er sie wünschte, bot ihm endlich der akademische Lehrstuhl in vollem Maße. SeineSchriften aber sind daS Abbild seiner persönlichen Lehrtätigkeit. Wie er nämlich alsLehrer keineswegs bloß Fertiges und Feststehendes zu überliefern, sondern durch An-regung eigenen Nachdenkens eine selbständige Bildung zu begründen suchte, und wie erdabei unter den Lernenden selbst ein Lernender und Werdender blieb; so führt er inseinen Schriften den Leser wie in belebtein Zwiegespräch dem Ziele entgegen, weistihm alle Wege, auf welchen man möglicherweise die Wahrheit suchen kann, und giebt>hm Material und Anregung, nach eigenem Ermessen seine Wahl zu treffen: nichtlowohl in dem Resultat, als iir dem belehrenden und belebenden Proceß der Methode,hegt die hohe Bedeutung der wissenschaftlichen Arbeiten Schleicrmachers. Daß einlolcher Lehrer ein Schule im gewöhnlichen Sinne weder gründen konnte, noch wollte,keines Beweises; es müßte denn die Schule aller derjenigen sein, welche ent-^Musind, E sorgfältigem Zurathehalten der eigenen Geisteskraft und mit gewissen-hafter Erforschung des Materials die Wahrheit zu suchen. — Gerade in der tiefsten-Mth des Vaterlandes hatte sich in Schleiermachers glaubensstarkem, klarem undmuthigem Geiste der Trieb entzündet, auch für den Staat thätig zu sein. Denner glaubte an den göttlichen Beruf seines Volkes. In solchem Glauben hat er seine