Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
641
Einzelbild herunterladen
 

Schiller.

641

der dynamische Staat kann die Gesellschaft bloß möglich machen, indem er Naturdurch Natur bezähmt; der ethische Staat kann sie bloß (moralisch) nothwendig machen,indem er den einzelnen Willen dem allgenreinen unterwirft; der ästhetische Staat alleinkann sie wirklich machen, weil er den Willen des Ganzen durch die Natur des Indivi-duums vollzieht. Wenn schon das Bedürfnis den Menschen in die Gesellschaft nöthigtund die Vernunft gesellige Grundsätze in ihn pflanzt, so kann die Schönheit alleinihm einen geselligen Charakter ertheilen. Der Geschmack allein bringt Harmonie indie Gesellschaft, weil er Harmonie in dem Individuum stiftet. Die Schönheit alleinbealückt alle Welt, und jedes Wesen vergißt seiner Schranken, so lang cs ihren Zaubererfährt. Kein Vorzug, keine Alleinherrschaft wird geduldet, soweit der Geschmackreaiert und das Reich des schönen Scheins sich verbreitet. In seinem Gebiete mußauch der mächtigste Genius sich seiner Hoheit begeben und zu dem Kindersinn ver-traulich herniedersteigen. In dem ästhetischen Staate ist umgekehrt auch das dienendeWerkzeug ein freier Bürger, der mit dem edelsten gleiche Rechte hat. Hier also, indrin Reiche des ästhetischen Scheins, wird das Ideal der Gleichheit erfüllt, welche derSchwärmer so gern auch dem Wesen nach realisirt sehen möchte."

So hat. der Dichter, von der gründlichsten Erfassung des Wesens und der Be-stimmung des Menschen ausgehend, nicht bloß auf eine tiefsinnige und geistreiche,sondern auch auf eine für die pädagogische Praxis wahrhaft fruchtbare Weise das dar-gestellt, was er die ästhetische Erziehung des Menschen nennt. Während dieRousseau'sche Pädagogikdie Sinnlichkeit schwächt, anstatt die Vernunft zu stärken";sc erkennt dagegen Schiller das Ziel der Erziehung darin, daß die höchste sinnlicheKraft und der reichste sinnliche Stoff, welchen sie sich anzueignen vermag, von derKraft des Geistes beherrscht, durchdrungen und verklärt werden. Wie er darum denErzieher haben will, das offenbart er uns, wenn er Max Piccolomini von Wallensteinsagen laßt:

Und eine Lust ist's, wie er alles wecktUnd stärkt und neu belebt um sich herum,

Wie jede Kraft sich ausspricht, jede GabeGleich deutlicher sich wird in seiner Nähe!

Jedwedem zieht er seine Kraft hervor,

Die eigenthümliche, und zieht sie groß,

Läßt jeden ganz das bleiben, was er ist,

Er wacht nur drüber, daß er's immer seiAm rechten Ort.

Auch Schiller hat in seiner Weise das Gesetz verkündigt:Alles ist euer, ihraber seid Gottes!" Und dies führt uns auf den besonders beachtenswerthen Umstand,daß Schiller unter dem Namen der ästhetischen Erziehung, wie obenbereits angedeutet wurde, der Sache nach vielfältig die Aufgabe der reli-giösen Erziehung im Sinne des Evangeliums dargestellt hat. DieNatur, welche in sich selbst vom Gesetze des Geistes durchdrungen und verklärt werdensoll, erinnert an dasjenige Gesetz, welches dem Menschen in sein Herz gegeben und inseinen Sinn geschrieben werden soll; der Unterschied zwischen der energischen und derschmelzenden Schönheit an den zwischen Gesetz und Evangelium; die Schönheit selbst,welche als des Menschen zweite Schöpferin gepriesen wird, an das Wort der Wahr-heit, durch welches der Mensch zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes wiedergeborenwerden soll; der ästhetische Staat, in welchem der Unterschied zwischen HerrschendenMd Dienenden anfhört, an das Reich Gottes,wo es keinen Herrn und keinenDiener giebt, wo eins dem andern dient, weil eins das andre liebt." Das Wort,welches Fiesco zu Romano sagt, darf in der That das Evangelium zu dieser Theorieder ästhetischen Erziehung sagen:Ich habe gethan, was du nur maltest!"

Zum Schlüsse wäre noch über die pädagogische Verwerthung der Dich-tungen Schillers zu reden; nur kurz, weil der Satz, daß zum Gebrauch in der«chule vor allen Classikern Schiller sich eignet, einerseits einer ausführlichen Begrün-ung wohl nicht bedarf, andererseits aber wir verweisen auf die Art. DeutscheSprache und Poesie nur für gehobene Schulverhältnisse gemeint sein will undFür diese empfiehlt sich Schiller besonders, weil er für jedes Lebensalter derSchüler entsprechenden Stoff darbietet, weil die minder unmittelbare, mehr bewußte

Mag. Handbuch. 11.

41