Rousseau.
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mqießt heimliche Thränen; dieser Zustand steigert sich, auch ihre Gesundheit leidetnotb. Die Mutter dringt iu die Tochter, sich mitzutheilen uud nach langem Sträuben«steht Sophie, daß sie verliebt ist in — den Telemach; das Naturkind in eine Roman-Mir! Und hieraus zieht Rousseau den Schluß, daß diese Frauen und Männer trotzoller Sittenvcrderbnis des Jahrhunderts dem Enthusiasmus sür das Edle und Schönekeineswegs entfremdet seien, es komme nur auf die Leitung der Natur an. Gleich-wohl gesteht er, daß er unter dem Bestreben, die Seele Sophiens über das Gewöhn-liche hinanszuheben, sich von seiner Absicht, ein gewöhnliches weibliches Wesen vonouter Naturanlage zu zeichnen, entfernt habe uud damit sich selbst untreu geworden— Zur Heilung der verirrten Einbildungskraft wird ihr dann der junge Mannnahe gebracht, welcher ihrem Telemachsoriginale möglichst entspricht — unser Emil.Ter Hofmeister nämlich und sein Zögling pflegen fleißige Fußrciscn zu machen; aufeiner derselben verirren sie sich; man weist sie in daS Haus der Eltern Sophiens.Sie werden freundlich ausgenommen. Beim Essen kommt die Rede auf Telemach,Sophie erröthet und Emil crröthet gleichfalls und wird schnell entzückt bei dem An-blick seines verkörperten Ideals, Sophie aber, wie der Vater bei dein Essen von demUnglück erzählt, wodurch er um sein Vermögen gekommen, und Emil dabei Thräneuvergießt — erblickt darin eine Aehnlichkeit mit ihrem Telemach, in beiden dämmertdas Gefühl, daß sie gefunden haben, was sic suchten, und es entspinnt sich ein Roman,der für die Beurtheilung der Grundanschauungcn in Rousseaus Erziehungstheorie vonwesentlicher Bedeutung ist.
Emils Wunsch, in der Nähe der Angebeteten sich einzumiethen, wird von seineinHofmeister mit Rücksicht auf Sophiens guten Namen abgcwicsen, und man zieht ineine zwei Meilen entfernte Stadt, von wo aus dann die neue Bekanntschaft durchfleißige Besuche unterhalten wird. Wie aber die beiden einmal eins geworden, mußEmil sich mit zwei Besuchen in der Woche begnügen und darf dabei niemals über-nachten. Bei diesen Besuchen ist Sophie immer decent, und Emil wird von derMutter gelegentlich unter vier Augen belehrt, daß jungen Leuten Vertraulichkeitenallein in der Eltern Gegenwart erlaubt seien. Unterdes macht sich Emil auf alle! Art im Hause nützlich, giebt seiner Braut Unterricht in allem, was er weiß, auch iu' der Philosophie, was alles Sophie annimmt, ohne aber viel zu behalten, mit Aus-nahme ihrer Fortschritte iu der Moral und in Sachen des Geschmacks, sowie einigerGrundbegriffe von den Gesetzen des Weltsystems, während auf den gemeinsamenSpaziergängen bei der Betrachtung der Wunder in der Natur die unschuldigen undreinen Herzen sich bis zu ihrem Schöpfer ausschwingen; jedoch keine Unterredungenüber Religion dabei; wozu auch? sollten Liebende ihre Zeit mit Katechismusaufsageuzubringen? Das wäre eine Herabwürdigung des Erhabenen; „sie erkennen sich alsvollkommen, sie lieben sich, mit Begeisterung reden sie von denr Werth der Tugend,und diese wird ihnen theuer durch die Opfer, welche sie ihr bringen; unter deirRegungen, die sie zu besiegen haben, vergießen sie manchmal miteinander Tbränen,reiner als des Himmels Thau, und diese Thränen machen das Glück ihres Lebens.Das Entsagen selbst vermehrt ihr Glück, und das damit verbundene Opfer bestärktsie in ihrer Selbstachtung." — Auch sonst wird uns Emil als ein Tugendspiegel vor-gehalten; er ist Wohlthäter und Freund aller Bedürftigen, hilft den Leuten bei ihrenArbeiten, lernt von ihnen, belehrt sie, stiftet Ehen, vergleicht Streitende, nimmt sichder Unterdrückten an, besucht Kranke u. s. f. Auch Sophie wird durch ihn ein tröstcu-, der und helfender Engel. Daneben jedoch wird das Arbeiten nicht versäumt. All-j wöchentlich sind Hofmeister und Zögling bei einem Meister in tüchtigem Geschäft, undR. führt Scenen in der Werkstatt vor, in denen die beiden Liebenden ihre Tugend an"! den Tag legen. Doch Emil soll deren höchste Staffel ersteigen und endlich erfahren,worin die wahre Tugend eigentlich bestehe. Eines Tages tritt der Hofmeister zu ihmm seine Kammer, einen Brief in der Hand und ihn fragend, was er thun würde,wenn man ihm meldete, Sophie sei gestorben? Emil, ganz außer sich, antwortetendlich mit zornentflammten Blicken: was ich thun würde? ich weiß es nicht, aberdas weiß ich, daß ich denjenigen in meinem Leben nie mehr sehen würde, der mirsgemeldet. Da lächelt der Hofmeister und beruhigt ihn, Sophie sei ganz wohl auf;Emils Leidenschaft hatte nämlich seit einiger Zeit ihn für vernünftige Unterredungen