Druckschrift 
2 (1879) Lob - Zuneigung
Entstehung
Seite
363
Einzelbild herunterladen
 

Rangordnung.

Ratich.

363

- -r^nkeich und England an die Rangordnung der Schule so viel äußere Ehre an-ickließt. Deutschland ist die künstliche Erregung des Ehrgeizes durch äußere Be-Wnungen immer nur als vereinzelte Verirrung aufgetreten, und es ist aus dem Kernedes nationalen Bewußtseins heraus auch immer wieder auf ihre Gefahren energischLinaewiesen worden. Wird die Rangordnung der Schule frei gehalten von solchenBegebungen zur Öffentlichkeit, so wird sie keinen Ehrgeiz künstlich ernähren, aber^anck kein natürliches und richtiges Ehrgefühl erdrücken,^wird den Lehrer vor Täuschung"Wahren und ihn nicht zu einem Schmeichler des Schülers herabsetzen, wird dem,Unterrichte selbst eine erziehende Kraft geben und die Schule auch zu einer Schule derEbarakterbildung machen.

Ratich (Wolfgang). Literatur. H. A. Niemeyer, Mittheilungen überMfg. Ratichius. Zwei Programme. Halle, 1840, 41. 4. Derselbe, Wolfg.Michius in Köthen. Zwei Programme. Ebd. 1842, 43. 4. Derselbe, Wolfg.^ancbius in Magdeburg. Ebd. 1846. 4.' Karl v. Raumer, Gesch. der PädagogikM. 2. K. Schmidt, Gesch. der Pädagogik Bd. 3, S. 295 ff.

In der Reihe der Pädagogiken, welche gewöhnlich als die Neuerer aufgeführterden, nimmt Ratich der Zeit nach die erste Stelle ein. Hat er mit allen anderngemein ein übergroßes Vertrauen auf die Methode und die derselben dienenden Lehr-bücher, ein etwas voreiliges Verheißen glänzender Erfolge bei erleichterndem und ab-kirzendem Verfahren, eine auffallende Unsicherheit in der Durchführung der anfge-llten Theorien und Musterformen, bei williger Hingabe an den erwählten Berufund für das Gedeihen der Schule; so unterscheidet ihn wieder, daß er bei einseitigerBerücksichtigung der Lehrgegenstände die Natur und die Bedürfnisse der zu Bildendenknock wenig beachtet hat, daß er, indem er die Muttersprache in ihr Recht einzuietzenel>t, die Realien noch völlig zurückstellt, daß er auf streng kirchlichem (lutherischem)tmdpuncte sich hält und Einheit alles Unterrichts im Glauben verlangt, daß erh bei allem Eifer, für seine Didaktik Propaganda zu machen, doch immer wiedereine wunderliche Geheimthuerci die ihm Vertrauenden sich entfremdet, die erdoch auch durch eigene Erfolge nicht festhalten kann. Er macht den Eindruck einesKonderlings, der ein scharfes Auge für die Mängel der anderen hat und das, wasihm als das Richtige erscheint, mit ehrlichem Sinne vertritt, der aber einzelne frucht-bare Gedanken für allgenugsame Wahrheiten hält, mit der Durchbildung seiner Ent-laß nie fertig wird und durch Stolz und Wichtigthun überall wieder auch seineömier und Freunde verletzt, so daß er ruhelos sich durch die Welt schlägt und zuletztin Roth und Dürftigkeit endet.

Wolfgang Ratich war d. 18. Oct. 1571 zu Wilster in Holstein geboren. Erackte seine Schulstudien in Hamburg und besuchte dann die Universität Rostock, woer Theologie studirte. Da er jedoch seiner schweren Zunge halber für die Kanzel nichtignet war, so faßte er, auf die Mängel der damaligen Lchrweise aufmerksam ge-worden, den Entschluß, an Ausbildung und Einführung einer neuen Didaktik seinetage Kraft zu setzen. Er gieng nach England, wo er wohl mit den ersten Schriftenocos bekannt wurde, und nach Holland (Amsterdam), wo er alle Wissenschaften inMrtigem Gedeihen fand und während eines 8jährigen Aufenthalts seine didaktischenVchten allmählich bestimmter ausbildete. Moriz von Oranten, an den er zuerstM seinen Rcformvorschlägen sich wandte, wollte die neue Methode zunächst nur beimErricht im Lateinischen versucht sehen; R. zog sich daher zurück und entschloß sichHeimkehr in das Vaterland.

Im I. 1612 erschien er zu Frankfurt, als eben die Fürsten und Stände desncks zur Wahl und Krönung des Kaisers Matthias versammelt waren. Hier über-N ^"0 der Reichsversammlung ein Memorial, worin seine Gedanken undäonchlage kurz zusammengefaßt waren (Niemeyers Prgr. v. 1841, S. 14 f.), undm me Genugthuung, daß einzelne Fürsten sein Werk mit lebhafter Aufmerksamkeitaachuten. Insbesondere beauftragte Landgraf Ludwig von Hessen-Darmstadt zweiroschorm seiner Universität Gießen, den Theologen Christoph Helwig und denloiophen Joachim Jung, mit R. zu verhandeln und ein Gutachten über dessenirunp abzugcben. Diese Verhandlungen fanden noch in demselben Jahre statt undnon zunächst zu einem befriedigenden Ergebnis. Beide Männer, unbefangen, streb-