Gefühlsstörungen. IOI
stehen. Auf diese Frage, die umfänglich zu erörtern wäre, können wiruns hier nicht weiter einlassen, sondern müssen uns gleich zu demPunkte wenden, der für unser Thema der wichtigste ist.
Die Durchführung der Rangordnung in der Schule wendet sich andie mächtigste Triebfeder der menschlichen Natur, den Egoismus, undkann insbesondere das erblich belastete Kind zu geistigen Anstrengungentreiben, denen das Nervensystem nicht gewachsen ist. Wird das er-sehnte Ziel nicht erreicht, so gesellt sich zu den Folgen eines über-mäfsigen Aufwandes an Nervenkraft noch das drückende Gefühl derUnfähigkeit und Beschämung. Die vermeinte Wirkung dieser Umständeist nicht selten eine überaus traurige und gehört zum Teil in das Ka-pitel der Schülerselbstmorde. Da Pelman die letzteren in nahe Be-ziehung zur Nervosität bringt, so mag es zugleich in Rücksicht auf denvon uns gewählten weitern Umfang des Begriffes gestattet sein, zweiFälle mitzuteilen, von denen der letztere allerdings einer Entkleidungseiner Besonderheiten bedarf, um als hierher gehörend erkannt zuwerden.
Ein Knabe von zwölf Jahren erhängte sich aus Verzweiflung dar-über, dafs er nur der Zweite in seiner Klasse war.
Einem elfjährigen Mädchen hatte der Vater vor Antritt einer kurzenReise aufgetragen, besser zu arbeiten als bisher, indem er eine Beloh-nung im Falle der Lösung dieser Aufgabe in Aussicht stellte, für denFall des Gegenteils aber einen ernsten Verweis. Als die Rückkehr desVaters bevorstand, und das Kind erkannte, dafs es den Anforderungennicht genügen würde, verliefs es das väterliche Haus, sagte einem Nach-barn, dafs es eine Besorgung zu machen habe, und stürzte sich in einenBach. Da derselbe aber zu seicht war, lief es nach der Seine und stürztesich hinein. Es wurde gerettet, als es gerade im Begriffe war, untereinem Kahn zu verschwinden.
Der gröfste Übelstand, welcher sich bei der Durchführung einerRangordnung in der Schule zeigt, besteht darin, dafs sie der Gerechtig-keit, deren sich der Lehrer gegenüber seinem Zögling befleifsigen mufs,grofse Schwierigkeiten entgegenstellt. Wir wollen gar nicht davon reden,dafs die fleifsige, brave aber wenig begabte Schülerin, die doch eingrofses Recht auf Anerkennung hätte, häufig hinter der wenigerfleifsigen, zuweilen auch weniger artigen, aber begabten Genossin zu-rückstehen mufs; die gröfste Schwierigkeit liegt darin, dafs in der Regel
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